Opernkritik Bayreuth 2015: Tristan und Isolde

Sinnbildlich für Katharina Wagners Regiekonzept in ihrer Neuinszenierung Tristan und Isoldes in diesem Jahr kann das Bühnenbild des dritten Aufzugs stehen: viel Theaternebel im Dunkel, ab und zu durchbrochen von einzelnen Lichtblicken. Wer nach Katharina Wagners kurzweiligen, klugen und spannenden Meistersingern ähnliches erwartet hatte, wurde enttäuscht: Diesmal wurde biedere Hausmannskost einer mittelmäßig begabten Regisseurin geboten, eine Inszenierung, die die Musik nicht stört (wie das ja viele gerne haben und so Wagners Gesamtkunstwerk verkennen), mit doch handwerklichen Mängeln. Wenn man den Unmut vieler Festspiel-Mitwirkenden über die künstlerische Leitung des Hauses hört und dies mit der Inszenierung vergleicht, würde man sich doch wünschen, dass Katharina all Ihre Energie in Ihre Tätigkeit als Leiterin steckt und begabteren Regisseuren das Feld überlässt.

Aber die Wagnerianer waren begeistert, bei Katharinas kurzem Auftritt zum Schluss gab es einhelligen Jubel – wohl die Freude darüber, dass es szenisch wenig zu denken und viel zu hören gab. Im 1. Aufzug sehen wir ein beeindruckendes Treppen-Labyrinth, das die Suche nach Wegen zueinander, ebenso wie die versperrten Pfade, eindrücklich darstellt. Aber eine solche Metaphorik ist für den gesamten Aufzug zu wenig, wenn dadurch eine Personenregie fast vollständig verhindert wird. Im zweiten Aufzug tänzeln die Sänger um wildgewordene Fahrradständer herum, die Regie wirkt hektisch und teils unbeholfen. Aber die Musik trägt das locker. Der dritte Aufzug gelingt noch am besten: Tristan erscheinen in seinen Fieberträumen verschiedene und verscheidende Isolden. Der statische Auftritt Markes wirkt hingegen unfreiwillig komisch. Wenn Katharina Tristans Satz „So waren wir Nachtgeweihte“ als Beweis nimmt, dass der Traum Tristan und Isoldes ihrer Vereinigung nicht wahr werden kann in der Tag-Welt, scheint sie die Oper nicht verstanden zu haben. Denn im Duett des zweiten Aufzuges wird nur allzu deutlich, dass die Protagonisten das Wort „Tod“ umdefinieren und so zur Erkenntnis des Irrtums der Subjektivität und des Eins-Sein mit dem Welt’ Atems glühenden All kommen.

Sängerisch ist der Abend exzellent, eine fast durchweg gelungene Premiere. Dies beginnt bereits in den kleinen Rollen, die durchwegs hervorragende besetzt sind – zu loben insbesondere Raimund Nolte als klangschöner Melot. Auch in den Hauptrollen nur eine kleine Einschränkung. Allen voran begeisterte Stephen Gould als kraftvoller, ausdrucksstarker, ausdauernder Tristan, der die Partie wie derzeit kaum ein zweiter singt. Auch im dritten Aufzug bleiben ihm bis zum Schluss scheinbar unermessliche Kraftreserveren. Leider wird Goulds differenzierte Gestaltung durch Evelin Herlitzius zu oft erdrückt, die sich reichlich laut und schreiig durch die Partie kämpft. Ihre Bühnenpräsenz ist unbestritten, ihre Piani und Mittellage beeindruck durchaus. Aber immer wenn sie laut wird, bleibt jede musikalische Schönheit auf der Strecke. Vermutlich wäre Anja Kampe die deutlich bessere Wahl gewesen.

Die Krone des Abends gebührt aber Georg Zeppenfeld, der mit völliger Textverständlichkeit, ausgiebiger Gestaltungskraft und seinesgleichen suchende Präsenz den Marke zum Highlight der Aufführung macht. Dies wird unterstützt von seiner angenehm leichten, aber überaus tragfähigen Stimme. Einer der herausragenden Bässe unserer Zeit. Überzeugen können auch Ian Paterson als ausgesprochen klangschöner, balsamischer und ausgiebig-gestaltender Kurwenal und Christa Mayer als hervorragende Brangäne, die (nach dem aufwärmen in den ersten Minuten) sehr präsent und kraftvoll überzeugte.

Fast könnte man also sagen, es wäre eine musikalisch sensationelle Aufführung gewesen – wenn da nicht das Dirigat Christians Thielemanns gewesen wäre. Keine Frage, es war sehr gut dirigiert: die Einsätze passten, das Orchester klangschön und wie bekannt qualitätsvoll und einige Stelle gelangen berührend. Aber im Vergleich zu den Jubelhymen, die ihm überall zukommen, war da doch noch reichlich Luft nach oben. Vor allem nervte Thielemann mit seinen bekannten Marotten: Der große Bogen der Partitur scheint ihn weniger zu interessieren als das Herausstellen kitschiger Einzelstellen. Stets hat man das Gefühl, Thielemann interessiere sich nur für den Effekt des Moments. So beispielsweise, wenn er ganz zum Schluss die Oboe nochmals völlig überdehnt und so den Schluss völlig zerstört. Auch könnte man seinen Einbau ständiger Generalpausen verschmerzen, wenn diese wenigstens eine innere Spannung aufweisen würde (wie es z.B. im 2. Aufzug Tannhäuser noch der Fall war) – im Tristan wirken die Generalpausen aber so, als ob jemand die Pause-Taste der CD gedrückt hätte und dann wieder auf Play drückt. Nach diesem Abend musste man sich fragen, ob es nicht besser für die Zukunft Bayreuths gewesen wäre, wenn Thielemann einen Posten in Berlin erhalten hätte.

Dies ist natürlich eine Einschränkung auf hohem Niveau und insgesamt bleibt diese Tristan und Isolde Aufführung ein Garant für ein volles Haus im Programm. Allerdings gibt es nunmehr szenisch jede Menge gepflegte Langeweile in Bayreuth: Tristan und Holländer, zu befürchten auch bei Laufenbergs Parsifal und  Hermanis Lohengrin. Der Elan der letzten Jahre, Bayreuth zu einem Hort des aktuellen, intelligenten und mit der Zeit gehenden Theaters zu machen – in einer Zeit, in der auch große Opernhäuser der Verflachung und Eventkultur frönen und möglichst langweilige Inszenierungen als Markenzeichen sehen – scheint erloschen. Möge uns das Feuer des Rings noch lange begleiten und Barry Kosky die Erwartungen erfüllen.

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Opernkritik: Epic-Parsifail. Parsifal in Berlin und Karlsruhe

Der Parsifal ist eine eindrückliche und mysteriöse Oper. Sie muss während der Osterzeit auf den Spielplänen  der Opernhäuser stehen und immer wieder neu inszeniert werden – egal, ob die Künstler etwas zu sagen haben oder nicht. An Neuproduktionen versuchen sich dieses Jahr die Staatsoper Berlin, die bei Wagner-Inszenierungen derzeit nichts halbwegs ordentliches zu Stande bringt, und das Staatstheater Karlsruhe, das letztes Jahr mit einer der besten Meistersinger-Inszenierungen aller Zeiten auf sich aufmerksam machte. Beide scheitern kläglich und machen aus dem Epos Parsifal einen Epic-Parsifail.

Ein Parsifal muss unbedingt weihevoll und mystisch sein, so wollen es Publikum und Künstler. Musikalisch soll das alles langsam, ruhig, getragen sein, szenisch zurückhaltend, weihrauchgeschwängert und überhaupt wie ein Gottesdienst oder eine kultische Handlung zelebriert werden. Darüber wird dann gerne vergessen, dass irgendeine Spannung vorhanden sein sollte, eine Geschichte erzählt werden oder Personen geführt.

Exemplarisch dafür, wie man einen Parsifal nicht aufführen sollte, ist die Neuproduktion an der Staatsoper Berlin, bei der Barenboim mit seiner Langsamkeit und Spannungsarmut die Sänger musikalisch erwürgt und die Szene sich auf in düsteres Licht und Theaternebel getauchtes statisches Rampenstehen beschränkt. Dmitri Tcherniakov scheint ein gefeierter Regisseur für seine Fähigkeit zu sein, ein eindrucksvolles Bühnenbild auf die Bühne zu stellen und in diesem möglichst wenig zu erzählen was „von der Musik ablenken“ könnte.

Angedeutet werden die Gralsritter und Klingsor als verschiedene Sekten, die… – nun eben eine Sekte sind. In diesem möchtegern-skandalösen Setting wird dann völlig altbackenes Rumsteh-Theater präsentiert. Alle bewegen sich weihevoll, langsam und statisch. Es passiert eigentlich nichts, es wird keine Geschichte erzählt, es wird nur stümperhaft bebildert. Im 2. Aufzug beschränkt sich die Inszenierung auf eine Doppelung der gesungenen Handlung, ganz toll. Nur zum Ende des 3. Aufzugs scheint es, als habe Tcherniakov mal in die Partitur geschaut: hier wird der Chor deutlich in zwei Gruppen unterteilt, die in ihrer Panik ob des bevorstehenden Todes sich zu prügeln anfangen, danach wird die einzige Frau Kundry durch Gurnemanz ermordet (was wir so schon von Konwitschny/Hintze kennen, aber immerhin).

Dieses szenische Nichts wäre nicht so schlimm, wenn nicht Barenboim jegliche musikalische Spannung abtöten würde. Auch Barenboim versucht, die Musik möglichst weihevoll erscheinen zu lassen – und scheitert kläglich. Das ist schade, da die Staatskapelle wunderbar spielt, ein schöner Klang und wunderbare Soli. Bereits das Vorspiel hat gefühlte 30 Generalpausen, auch danach wird alles zerdehnt wie nur möglich, jegliche Spannung geraubt. Einen großen Bogen gibt es nicht, es bleibt bei einer zerfaserten Darstellung möglichst statisch vorgetragener einzelner Stellen. Besonders schlimm ist, dass Barenboim den Sängern jegliche Luft zum atmen und gestalten abschnürt.

Leider, denn aufgefahren wurde ein beeindruckendes Sängerensemble. Anja Kampe trotzt einer Erkältung (in zwei wirren Reden durch den greisen Herrn Flimm angesagt) und singt die Kundry präsenter und schöner als die meisten anderen Sängerinnen derzeit. Aufgrund der Erkältung fehlen ihr leider die Höhen fast vollständig und auch laute Ausbrüche sind nicht möglich – es wird dennoch deutlich, welche Kundry der Extraklasse Kampe sein kann. Rene Pape ist zweifellos einer der weltbesten Bässe, er singt die Rolle balsamisch, rund, geprägt von merklich tiefen Verständnis der Rolle und kommt mit den Tempi zu Recht – leider verlässt ihn zum Ende hin die Kraft, wie man das vor ein paar Jahren nicht erwartet hätte. Wolfgang Koch ist ein klangschöner und stimmgewaltiger Amfortas, der die Leiden eindringlich singt – allerdings unter dem Dirigat zu leiden hat. Matthias Hölle überzeugt mit profundem Bass ebenso wie Tomas Tomasson als, wenn auch etwas frei gestalender, Klingsor. Die wenigste Mühe hatte Andreas Schager – stimmgewaltig, ausdrucksstark und intensiv sang er einen mustergültigen Parsifal.

Wenn zum Schluss der klangschöne, aber wenig durchschlagskräftige, Chor die Arme kollektiv gen Himmel auf der Suche nach Erlösung reckt, ist dieses Bild für einen Moment durchaus eindrücklich. Allerdings braucht Barenboim  endlos, um endlich, endlich fertig zu werden. Je länger der Chor mit den Händen in der Luft rumfuchteln muss, umso mehr scheint es das Flehen an Barenboim zu werden: „bitte erlöse uns und das Publikum von unseren Leiden und mach endlich Feierabend!!“.

Musikalisch und szenisch hat Karlsruhe da die Nase klar vor Berlin, obwohl das insgesamt auch nicht viel besser wird. Mit Keith Warner hat man immerhin einen Regisseur, der den Begriff Personenführung schonmal gehört hat und sich größtenteils bemüht, das umzusetzen. Allerdings beschränkt auch er sich dabei auf das – nicht sehr spannende – Erzählen der Geschichte. Das Bühnenbild ist beeindruckend, über die Drehbühne können viele verschiedene Orte gezeigt werden. Leider wird die Drehbühne vor allem genutzt um davon abzulenken, dass Warner nicht wirklich was zu erzählen weiß. Anfangs sehr beeindruckend sind die Lichteffekte und wechselnden Stimmungen. Aber nach dem hundersten Wechsel wird das auch einfältig, da man bald lernt „Neuer Sänger oder neue Handlung, neues Licht“.

Den Schluss setzte Warner dann völlig in den Sand: das Gralsgefäß ist verschwunden, stattdessen kommen bunte Männer und Frauen auf die Bühne – und natürlich darf der ins Publikum leuchtende Scheinwerfer nicht fehlen. Ein furchtbar kitschiges Bild, das zeigt, dass Warner das Werk nicht verstanden hat. Warner ist offensichtlich nicht daran interessiert, den Parsifal zu erzählen, sondern nur in Weihe und Kitsch zu schwelgen. Dazu kommt, dass der 3. Aufzug gähnend langweilig dirigiert ist. Auch Justin Brown versucht dort sich im weihevollen und möchte es zelebrieren, kann dabei jedoch kaum Spannung aufrechterhalten. Schade, da es die ersten beiden Aufzüge viel besser war: Insbesondere der 2. Aufzug ist musikalisch packend erzählt. Im 1. Aufzug ist Brown nur 2 Minuten langsamer als Barenboim, dennoch ist Browns Dirigat viel dynamischer, harmonischer, flüssiger und runder.

Bei den Sängern gab es bis auf den Gurnemanz von Alfred Reiter, dessen eher kleine Stimme nicht ausreichend zur Geltung kommt und vor allem im 3. Aufzug oft kaum mehr zu hören ist, allesamt Rollendebüts. Das wird mal besser, mal schlechter bewältigt. Christina Niessen gibt alles und singt eine durchaus beeindruckende Kundry mit einer wunderbar weichen und schönen Stimme. Gesund für ihre Stimme ist das auf Dauer aber sicherlich nicht. Solide der Titurel von Avtandil Kaspeli, beeindruckend und stimmgewaltig der Amfortas von Renatus Meszar (für mich der beste Sänger des Abends). Erik Nelson Werner als Parsifal singt baritonal, teils gaumig und gepresst, aber insgesamt doch durchaus rollendeckend und kräftig. Überzeugen kann auch Jaco Venter als szenisch und musikalisch präsenter Klingsor.

Insgesamt sind also beide Aufführungen reichlich zähe Angelegenheiten, die ein starkes Plädoyer dafür sind, den Parsifal mal für längere Zeit an Ostern nicht aufzuführen. Nach vielen Irniss und Leiden Pfade wünscht man sich Erlöser in Form von Dirigenten und Regisseuren, die etwas zum Stück zu sagen haben und noch dazu Grundlagen des Regiehandwerks beherrschen. Hoffen wir, dass bald mal wieder ein solcher den Gralsbezirk einer Opernbühne betreten wird.

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Opern-Kritik: Die Meistersinger von Nürnberg, Premiere in Karlsruhe am 27.4.2014

Opern-Kritik: Die Meistersinger von Nürnberg, Premiere in Karlsruhe am 27.4.2014

Ich war inzwischen schon länger nicht mehr in der Karlsruher Oper – der Schock über den Lohengrin-Flop saß wohl zu tief. Die Meistersinger-Premiere aber konnte man sich natürlich nicht entgehen lassen. Und was für ein Triumph wurde das! Eine dieser Sternstunden, die man nur selten erlebt. Aus der perfekten Verbindung von Musik und Szene ergab sich eins dieser Gesamtkunstwerke, wie sie den besonderen Zauber der Liveaufführung ausmachen, aber nur selten zu erleben sind.

Die Aufführung überzeugte dabei mit einem hochkarätigen Sängerensemble, angeführt von Renatus Meszar als nie ermüdender und mitreißender Sachs, der trotz etwas trockener Stimme zum sängerischen Zentrum der Aufführung wurde, Armin Kolarczyk als ebenso mitreißender und präsenter Beckmesser, Guido Jentjens als stimmgewaltiger Pogner und Eleazar Rodriguez als stimmschöner, junger, textverständlicher und präsenter David. Überzeugen konnte auch Daniel Kirch als Stolzing, auch wenn seine Stimme in den Höhen etwas spröde blieb und er beim Preislied etwas schwächelte, insgesamt doch ausgezeichnet. Nicht ganz mithalten konnten die Damen, Rachel Nicholls als Eva etwas angestrengt, vor allem in den Höhen teils etwa schrill. Aber die sang sich zunehmend frei und sang so einen durchaus achtbaren dritten Aufzug. Dass auch Stefanie Schaefer als Lene wenig präsent blieb fiel aber kaum ins Gewicht.

Wenn man einen Schwachpunkt suchen müsste, am ehestens noch das Dirigat des wild rumfuchtelnden GMD Justin Brown, der gehetzt über viele Schönheiten und Details der Partitur hinwegdirigierte und sich eher aufs Krachen konzentrierte. Dennoch war es nicht zu laut, die Sänger wurden kaum überdeckt, die Einsätze stimmten und er sorgte für einen Zusammenhalt zwischen Bühne und Graben und verband alles zu einem Großen. Also Kritik auf hohem Niveau. Überzeugen konnte auch der stimmschöne Chor, obwohl er akustisch nicht immer einfach positioniert war.

Dass diese Aufführung eine solche Sensation wurde, ist neben dem beeindruckenden musikalischen Niveau insbesondere der grandiosen Inszenierung von Tobias Kratzer zu verdanken. Eine solche detailreiche, genaue, durchaus partiturnahe, tiefgründige, witzige und spannende Inszenierung der Meistersinger habe ich bislang nur von Homoki an der KOB gesehen. Kratzer schafft es bereits innerhalb der ersten Minute nach dem Heben des Vorhangs, eine unglaubliche Spannung und sprühenden Witz zu versprühen, dass man sofort in den Bann gezogen wird – und hält dies durchgehend bis zum Schluss, an dem sich der Bogen zum Beginn schließt (wie, sei nicht verraten).

Der Abendvorhang zeigt bereits, wohin die Reise geht: Die Collage von Aufführungsplakaten und CD-Covern der Meistersinger von Salzburg 1937 bis zu Katharinas Bayreuther Inszenierung spannt den Bogen von Kunstdiskurs und Rezeptionsgeschichte. So finden wir uns beim Choral denn auch in einer von Beckmesser geleiteten Chorprobe, unter den gestrengen Augen einer Lorbeer-bekränzten Büste des Meisters, der Beckmesser immer wieder huldigen wird und die bis zum Schluss in die Inszenierung eingebunden bleibt. Das (sehr wandelbare) Einheitsbühnenbild besteht aus drei Kammern, dem großen Hauptraum und zwei Nebenräumen, in denen einerseits an der Kaffeemaschine die Meister plaudern oder Sachs und Eva schäkern können, andererseits die Lehrbuben die Sitzung abwarten müssen und Stolzing den Saal betreten kann, um so Eva von der Probe abzuhalten und dabei alle Teilnehmer zu stören.

Der zweite Aufzug zeigt dank der Drehbühne eine Zeitreise durch gleich drei Bühnenbilder: Butzenscheibenromantik der Uraufführung (Szenenapplaus), Reduzierung auf eine schräge Bühne mit Flieder wie bei Wieland Wagner – und einen hässlichen Betonhinterhof mit „Mister Minit“-Schumacher – Schlüsseldienst usw. als Schusterstube, (gut frequentierte) Dönerbude und Mülltonnen, den Castorf-Ring ironisierend. Stolzing steht beeindruckt und ratlos vor dieser Rezeptionsgeschichte – irgendwie war alles schon zu sehen, was soll man noch neu machen? Die Prügelszene ist denn auch folgerichtig ein Kampf von „Staubis“ gegen „Moderne“. Der dritte Aufzug zeigt zu Beginn das Innere der Schusterstube mit Flügel und Wagner-Büste, sodann umgebaut zu einer Art Konzertsaal, die Meistersinger im Hauptraum, der Pöbel muss in den beiden Seitenräumen bleiben und dort die Aufführung mittels HD-Video verfolgen – Kino aus der Konserve statt Liveerlebnis. Bei seinem Preislied bricht Stolzing diese Trennung auf, öffnet die Türen und verbindet so Volk und Meister.

Die Inszenierung überzeugt durch eine ausgefeilte, detailreiche Personenregie, die bis ins kleinste durchdacht und logisch ist. Durch die Einbindung in den großen Kontext der Frage von moderner Kunst und ihrer Umsetzung in unserer Welt zwischen Erstarrung und neu zu Schaffendem entfacht Kratzer so einen Furor, der ein intensives Erleben der Oper ermöglicht. Trotz der durchaus modernen Inszenierung wird die Partitur dabei sehr genau gelesen und betont, sei es die detailreiche Zeichnung der verschiedenen Meistersinger (vom kiffenden Hippie, der Stolzings Nicht-Konformität durchaus goutiert, hin zum arroganten Spießer mit Schoßhund – natürlich der Meister, der sich besonders vehement gegen die Öffnung zum Volke hin ausspricht), die Betonung einzelner schöner Kleinigkeiten der Partitur (z.B. wird Sachsens/Wagners Witz von der Morgentraumdeutweise als „Nottaufe“ deutlich gemacht, indem sich Sachs die Hand zu Pistole geformt an die Schläfe hält), teils ironischer Umdeutung des Textes (Aus den „Blumen und Bänder“, die Sachs zu Beginn des 3. Aufzuges sieht, werden Davids blaues Auge und sein Verband am Arm), augenzwinkernder Kommentierung des Werks durch den Regisseur (z.B. bei Davids Aufzählung der zu lernenden Weisen im 1. Aufzug, zweifelsfrei eine Länge im Werk, gähnt Stolzing deutlich – und flirtet lieber mit den Mädels unter den Lehrbuben), und witziger Gegenläufigkeit zum Text (wenn der Chor vor Stolzings Preislied singt „Ein guter Zeuge, stolz und kühn!“, fuchtelt Stolzing gerade wie wild vor der Kamera rum und verbietet sich sehr unsouverän, aufgenommen zu werden). Dies nur ein minimaler Ausschnitt aus dem Feuerwerk der Personenregie.

Dies alles wird eingebunden in die großen, bewegenden Fragen der Oper. So wird der Kampf Sachsens mit sich selbst, ob er denn nun doch um Eva werben soll, Gefühl gegen Vernunft, hinreißend dargestellt. Das Ringen mit sich selbst wird ihm umso schwerer gemacht, als Eva in der Schusterstube nicht aufgibt (sie weiß ja noch nicht, dass Beckmesser das Lied klaute und sich nun alles zum Guten wenden wird!) und sich immer wieder an Sachs wirft, auch nachdem er sie fast schon gewalttätig zu Stolzing hindrückt. So leidet und wütet Sachs auch noch während des Aufzugs der Zünfte, der uns völlig verweigert wird (der Chor steht im Zuschauerraum).

Beckmesser ist nicht der Wagner-Gegner der Hanslick-Karikatur, sondern ein Klischee-Wagnerianer, der die Büste immer wieder anbetet und offensichtlich in Erstarrung versunken ist (ein Schelm, wer denkt, sein gestreifter, über den Rücken gelegter Pullover sei eine Anspielung auf einen aktuellen Dirigenten in Bayreuth, der ständig Wagner auf irgendwelche Sockel stellen möchte). So wird sein Auftritt in der Schusterstube zu einer der besten Szenen des Abends: Wenn Beckmesser vor der Büste darnieder sinkt und sie anbetet, öffnet sich die Türe – und nebelumrankt tritt der verstaubte Meister persönlich ein. Freilich küsst ihm Beckmesser sofort die Füße, betet ihn an, schmiegt sich an ihn – Wagner stößt ihn erst verächtlich weg, dann versohlt er ihm ordentlich den Hintern. Im Gehen projiziert der Meister noch ein „Kinder, schafft Neues!“ an die Wand (Szenenapplaus). Beckmesser kapiert es natürlich nicht, er betet auch weiterhin die Asche an, anstatt das Feuer aufrecht zu erhalten. Trotz vielfachen Gelächters gibt es dann zum Schluss für mich erstaunlich viele Buhs für das Regieteam – vermutlich hat man im Gegensatz zu Beckmesser durchaus verstanden, dass einem hier durchaus ans Bein ge… äh, ordentlich der Hintern versohlt wird. Es gibt nur wenige Aufführungen, unbedingt hinfahren!!!

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Opern-Kritik: Lohengrin, Wiener Staatsoper (Homoki/Franck)

Opern-Kritik: Lohengrin, Wiener Staatsoper (Homoki/Franck)

Im Treppenaufgang auf dem Weg zum Platz spricht mich eine neben mir laufende Frau mit strahlendem Gesicht an: „Heute wird es ein toller Abend! Die Premiere war nicht so gelungen, aber heute Abend wird es toll – ich spüre es!“. Über soviel positive Energie erfreut stieg die Spannung – und wurde nicht enttäuscht. Vielleicht hat die Dame ihre Energie ja tatsächlich auf die Künstler übertragen. So überzeugte die 2. Lohengrin-Aufführung der neuen Serie mit hohem musikalischem Niveau und einer detailgenauen Inszenierung.

Homoki hat ja in weiten Kreisen den Titel des „Regietheaterverbrechers“ verliehen bekommen. Ich habe nie verstanden warum, immerhin modernisiert er nur behutsam und legt großen Wert auf genaues Partiturlesen und eine nachvollziehbare Erzählung der Geschichte. Der Lohengrin ist dabei sicherlich nicht der ganz große Wurf, sondern bleibt viel zu brav und zurückhaltend. Eine für Repertoire gut geeignete Inszenierung, von der man denken sollte, dass sie auch den Konservativen gefällt, da sie sich größtenteils auf die „bloße Erzählung der Geschichte“ beschränkt (soweit das möglich ist).

Dabei beginnt es noch mit einem großartigen ersten Aufzug, der sehr genau gearbeitet ist und dank behutsamer Bebilderung im Vorspiel die Geschichte erst richtig verständlich macht. Auch die Verlegung in eine ländliche Gegend in Bayern, Österreich oder Schweiz überzeugt, da so glaubhaft wird, dass das Volk so einfach sich von dem „Wunder“ blenden lässt. Die genaue und detailreiche Personenführung mit vielen den Text verdeutlichenden Kleinigkeiten macht den ersten Aufzug ungemein spannend. Besonders begeistern kann die Chorführung und das Auftreten König Heinrichs. Das ist ja meist eine sehr statische Partie, der König steht halt gewichtig da und singt bedeutungsschwanger – nicht so in Wien. Hier wird, angelehnt an die nachgewiesene Historie, der König gezeigt als einer, der einen fernen Winkel seines Reiches besucht, das Volk ersteinmal auf seine Seite bringen muss und um die Teilnahme an seinem Krieg noch werben muss. Telramund ist da ein echter Gegenspieler Heinrichs, der bis zu diesem Zeitpunkt einen großen Teil des Volkes hinter sich hat und gegen den König intrigiert. Insofern wird auch Elsa instrumentalisiert. Überhaupt schauspielert Günther Groissböck grandios und macht auch seine Zweifel an Elsas Schuld und seine Zurückhaltung der Verurteilung bewegend deutlich. Insgesamt ist das schlicht grandios gearbeitet.

Leider kann das Niveau nicht gehalten werden, in den beiden weiteren Aufzügen passiert nurnoch wenig neues, die Geschichte nimmt halt ihren Lauf. Insofern wundern auch die Aussagen „das Bühnenbild wird langweilig“ nicht – auch wenn es eher die Inszenierung als das Bühnenbild sein dürfte. So wird Elsa gezeichnet wie man sie halt kennt als das kleine, zurückhaltende Mädchen, statt als die selbstbestimmte und willensstarke Frau die sie ist. Auch das Thema Nationalismus wird durch die ländliche Umgebung zwar angedeutet, dann aber nicht weiter ausgeführt, obwohl sich das ja angeboten hätte (umso mehr wenn man es ohne den letzten Strich gespielt hätte oder „Führer“ statt „Schützer“ singt). Aber das ist Kritik auf hohem Niveau, es gibt durchgehend eine Personenführung und eine klare Linie, was ja schon mehr ist als viele Inszenierungen bieten.

Durchaus überzeugen kann Mikko Franck mit einem zupackenden und sängerfreundlichen Dirigat, auch wenn das Vorspiel wenig sphärisch gelingt und öfters Lautstärke und Effekt dominieren. Aber ebenso gibt es viele berührende Stellen und insgesamt eine packende Aufführung. Auch der Chor war schauspielerisch und musikalisch ausgezeichnet.

Sängerisch ist das Niveau ganz vorzüglich. Allen voran natürlich mit derzeit DEM Lohengrin schlechthin, Klaus Florian Vogt. Seine Stimme kann man mögen oder nicht – nicht leugnen kann man hingegen seine differenzierte und genaue Interpretation der Rolle und seine ständige, mühelose stimmliche Präsenz. Er begeistert zudem mit einer genauen Gestaltung der Rolle und vermittelt überzeugend, diese im Detail zu kennen. Sicherlich keine Holzhammerinterpretation, sondern eine zarte und dezente. Dem nicht nach steht Günther Groissböck, der zwar weniger Tiefe haben mag, als manch anderer großer Vorgänger, aber gerade dadurch der Rolle ein besonderes Etwas gibt. Völlig Textverständlich, detailreich ausgestaltend und interpretierend, stimmschön und den großen Bogen stets erkennen lassend ist dieser kluge Sänger ein echtes Erlebnis. Auch Wolfgang Koch begeistert mit einer großen stimmlichen Präsenz und mitreißenden Gestaltung – auch wenn er die Partitur doch eher etwas frei nimmt und öfters mit dem Holzhammer gestaltet. Ein beeindruckender, ungemein präsenter Telramund. Ebenfalls überzeugen konnte Detlef Roth als Heerrufer. Sicherlich hat er eine für die Partie ungewöhnlich (zu?) helle, fast schon tenorale, Stimme. Dennoch überzeugt auch er mit einer sehr genauen Interpretation und Gestaltung der Rolle ebenso wie mit großer Textverständlichkeit. Nicht mithalten können die Damen. Camilla Nylund klingt öfters angestrengt und etwas breiig, da wäre deutlich mehr drin. Auch Michaela Martens als Ortrud ist der Rolle nicht gewachsen, sie klingt etwas piepsig und zu angestrengt. Allerdings gibt es ja derzeit kaum jemanden, der die Rolle adäquat singen kann und insbesondere der Schluss gelingt ihr durchaus achtbar. Da sie auch ungemein präsent schauspielert, geht das insgesamt durchaus in Ordnung – die einzelnen Buhs waren jedenfalls völlig daneben. Insgesamt also eine sehr gelungene und runde Aufführung, deren Besuch absolut lohnte.

PS: Die Kritik bezieht sich auf die 2. Vorstellung der Serie vom 16.4.2014.

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Opern-Kritik: Die Meistersinger von Nürnberg in Salzburg

Was für ein Skandal in Salzburg! Da möchte man in Ruhe eine Inszenierung der Meistersinger von Nürnberg genießen – und dann so etwas! Ein Krokodil auf der Bühne beim 3. Aufzug der Meistersinger, obwohl davon nichts in der Partitur steht! Genauso eine halb-Meter großen Schnecke im 2. Aufzug – völlig gegen die Partitur. Und diese infantilen Witze, die zeigen, dass der Regisseur das Publikum für minderbemittelt hält! Und es kam noch schlimmer: vor der Bühne turnte die ganze Zeit ein Typ herum und wedelte mit den Armen, ca. hundert Leute saßen zusätzlich in der Gegend und wackelten herum. Zusätzlich zu diesen Ablenkungen waren in der Inszenierung sogar noch Kameras an solchen Stellen aufgebaut worden, dass man als Zuschauer ständig auf die Bildschirme schauen musste und vom Bühnengeschehen abgelenkt wurde. Wenn man trotz dieser Zumutungen des „Regietheaters“ doch noch Zeit hatte auf die Bühne zu schauen, wurde man überwältigt von den opulenten und schönen Kostümen und dem Rumgehampel der Sänger, so dass der Musikgenuss noch weiter behindert wurde. Wobei von all diesen skandalösen Bildern das Krokodil eindeutig die größte war.

Wer ob dieser Zumutungen nicht aus dem Saal rannte um die Trillerpfeifen zu holen merkte schnell: Otto Schenk ist zurück! Herheim inszeniert einen Kostümschinken sondergleichen, über das Werk lernen wir Null Komma Null, wir bekommen nur eine 1:1-Darstellung des Textes. Die ersten beiden Aufzüge spielen im Kopf von Sachs und Beckmesser (als dessen Schatten), die zu Beginn zu sehen waren auf der Suche nach Inspiration. Zu Beginn der Schusterstube ist es dann die „echte“ Stube des Sachs, wobei zur Festwiese noch größere Kulissen, die identisch aussehen, gezeigt werden, so dass eine dritte Ebene behauptet wird (Wagners oder des Zuschauers Kopf). Zuletzt wird schamlos die Idee des Kasseler Tannhäusers geklaut und die Nürnberger Spielwarenmesse in Kostümen gezeigt mittels Figuren aus Grimms Märchen. Daraus wird das regelmäßig vertrenene behauptet, dass der Schluss völlig normal sei, da nur die deutsche Kunst statt des Staates gelobt werden solle.

Allein: das bleibt Behauptung, ohne jegliche Belegung. Das Beschriebene wird am Rande dargestellt und gilt schlichtweg als Aufhänger für banales, dummes, kitschiges und nichtssagendes Theater. Es gibt immerhin Personenführung, die jedoch sich auf die bloße Erzählung der Geschichte beschränkt. Während andere Regisseure sich bemühen, die Brüche und Irrwege hinaufzuarbeiten, wird hier nur bebebildert in einer Weise, dass jeder vermeintlich einen „schönen“ Opernabend erleben kann. Dass für die Behauptung der verschiedenen Ebenen ein Kasperltheater verwendet wird, ist eine treffende Darstellung der Inszenierung. Wenn dann zum Schluss alle gemeinsam jubelnd die Aufnahme Stolzings als Meister feiern bleibt der fahle Schatten, dass aus bloßer Geilheit an Applaus der faschistoide Gehalt des Werkes betont und ausgenutzt wird. Dazu passt der folgende Jubel des Publikums in trautem deutsch-österreichischem Zusammenschluss.

Wer angesichts der szenischen Langeweile nicht einschlief, erlebte eine musikalisch überwiegend positive Aufführung, wobei das Niveau mit der Bayreuther Neuproduktion nicht mithalten konnte.

Markus Werba gab einen bewegenden Beckmesser, auch wenn ihm noch etwas Gestaltungskraft fehlt, um an die großen Rollenverteter anzuknüpfen – jedenfalls ein sehr vielversprechender junger Sänger, von dem wir noch einiges erwarten können. Erstklassig der David von Peter Sonn, der mit einer durchsetzungsfähigen Stimme und großer Gestaltungskraft intensiv gestaltete. Roberta Saccà als Stolzing war anfangs kaum hörbar, aber steigerte sich ungemein und lieferte ein solides Rollenbild der Stolzing ab, auch wenn im Haus seine Stimme etwas angestrengt und bemüht klang – bei der Übertragung im Public Viewing war sein helles Timbre und Gestaltungsfähigkeit deutlicher zu hören. Dass er in den Chorszenen öfters unterging – nicht der einzige. Zeppenfeld als Pogner blieb eher blass, vielleicht hatte er keinen guten Tag. Nicht so gut: die Damen. Monika Bohinec als Magdalene klang angestrengt und blieb blass. Anna Gabler als Eva hingegen klang im Haus gaumig, schwammig und wenig textverständlich, im Fernsehen hingegen kam sie besser zur Geltung, trotz Intonationsschwächen.

Die Leistung von Michael Volle kann ich nicht in Worte fassen. Ein solcher Sachs dürfte nicht nur derzeit singulär auf der Bühne sein. Der Versuch einer Beschreibung: Bis zum Schluss volle Power gesungen und nicht schwächelnd, volle Textverständlichkeit, gestaltend wie ein Lied-Sänger. Interpretiert wurde in dieser Aufführung tatsachlich nur dann, wenn Volle sang: Er gestaltete so intensiv und vielschichtig, dass Sachs bis in alle Details ausgeleuchtet wurde. Wahnsinn!

Überzeugen konnte auch Daniele Gatti, der bereits zu Beginn eine Überraschung bereit hatte: er kann auch schnell dirigieren! Und das tat er oft, aber auch oft sehr langsam, einzelne stellen wunderbar auskostend. Er erzeugte viele Farben und durch seine teils ungewöhnlichen Tempi viele innige und berührende Stellen, die aber nie für sich standen, sondern beeindruckend zu einem spannenden Gesamtbild verwoben wurden. Da durfte es auch mal knallen und bombastisch übertrieben werden, mal kammermusikalisch ausmusiziert sein. Insgesamt sicherlich ungewöhnlich und etwas unausgeglichen, aber doch sehr spannend.

Sängerisch und seitens des Orchesters also sehr achtbar, leider zerstört durch die an Kitsch nicht mehr zu überbietende Inszenierung, die entsprechend für alle Bayreuth-Geschädigten, die ihr Hirn in der Oper ausschalten möchten genau das rechte.

Anmerkung: Die Opern-Kritik zu „Die Meistersinger von Nürnberg“ in Salzburg bezieht sich auf die Premierenvorstellung. Der Schluss des 3. Aufzuges wurde beim Public-Viewing nochmals angehört.

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Opern-Kritik: Tannhäuser in Kassel

„Ein Puff! Also nein, das ist ja wie im Puff! Dazu muss ich doch nicht in die Oper gehen!“ Das schockierte Ehepaar neben mir irrte jedoch in gleich zweifacher Hinsicht: Zum einen bot die Tannhäuser-Aufführung des Staatstheaters Kassel eine musikalische und szenische Dichte, die dem Zuschauer andere Wonnen sicherstellte, als er sie in einem Puff (vielleicht) hätte bekommen können. Zum anderen würde es deutlich zu kurz greifen, die Szene nur als Puff zu sehen. Auch wenn dies für manchen Betrachter unerfreulich sein mag: Gezeigt werden wir, unsere Party- und gute-Laune-Gesellschaft mit allen seinen Vor- und Nachteilen, die die Freiheit vom nicht angezweifelten Glauben an Gott bietet.

Lorenzo Fioroni, der vor 2 Jahren bereits einen sensationellen Lohengrin auf die Beine stellte und zuvor von der Kritik hochgelobte „Holländer“ und „Meistersinger“, überzeugt nun erneut mit einer ausgefeilten Interpretation des Tannhäuser, die eine szenische Dichte aufweist, die auf deutschen Bühnen derzeit nur in wenigen Produktionen erreicht wird. Da sieht man auch gerne darüber hinweg, dass die musikalische Darbietung teilweise Wünsche offen lässt. Einzigartig dürfte zudem das Angebot der Dramaturgie sein: Dramaturg Jürgen Otten schloss seinen Einführungsvortrag (der tiefgehend in die Inszenierung einführt und auch mir noch Neues bot) mit der Aufforderung, ihn in den Pausen mit Fragen zur Aufführung zu löchern, er sei im Foyer anwesend. Ein Angebot, das zwar von wenigen Leuten genutzt wurde, von diesen jedoch umso leidenschaftlicher – das als Vorbild für andere Häuser dienen sollte.

Wer sich als Regisseur heutzutage dem Tannhäuser nähert, kann eine strikte Trennung von Venusberg und Wartburg-Gesellschaft szenisch nur schwer darstellen ohne sich lächerlich zu machen. In Kassel wird der offensichtliche Ansatz gewählt: Die beiden Gesellschaften sind Eins, sind wir. Tannhäuser ist durchgehend ein Teil dieser, der jedoch seine Liebe und Sexualität mit Venus deutlich freier und leidenschaftlicher ausleben kann, als der Rest, der es dabei belässt, Feste zu feiern, sich zu betrinken und attraktivere Sängerinnen (wie den jungen Hirten und Elisabeth) anzuhimmeln. Die Nähe zwischen d’Annunzios „Il Piacere“ und Tannhäuser ist unübersehbar. Das Bühnenbild besteht aus einer Drehbühne, in der Mitte die Weltachse, – die Fortdrehung in Gang gehalten durch Tannhäuser ebenso wie den Papst -, die vielfältig eingesetzt wird und intime Momente ebenso wie große Öffentlichkeit ermöglicht.

Tannhäuser und Venus flüchten aus der Party auf den Balkon, auf dem Tannhäuser seine Beziehung mit Venus beendet, anrührend dargestellt und hochmusikalisch umgesetzt. Gestört werden die beiden kurzzeitig durch Tannhäusers gealtertes Alter Ego (vermeintlich als betrunkener Partygast, der frische Luft sucht). Nachdem sich Tannhäuser lossagen konnte, bleibt Venus erschüttert auf dem Balkon zurück, um kurze Zeit später heimlich die Party zu verlassen. Er flüchtet zurück auf die Party, wo der junge Hirt in Gestalt einer Sängerin ein Ständchen singt. Die Partygesellschaft ist erfreut, dass Tannhäuser sich wieder Zeit für sie nimmt – die Party geht weiter, ungeachtet dessen, dass sich die Sängerin des jungen Hirten inzwischen erhängte. Elisabeth ist ebenfalls eine umjubelte Sängerin, nach ihrem bejubelten Einzug ein Ständchen singt. Wolfram, der in sie verliebt ist, nötigt Tannhäuser, ihr Elisabeth vorzustellen – wenn sie Tannhäuser fragt, was ihn zurückführte und er sich in das Nichtssagende „Ein Wunder war’s“ flüchtet, deutet er logischerweise auf Wolfram. Wolframs Plan geht nicht auf, Elisabeth hat nur Augen für Tannhäuser. Solche Gags, die unklare Lehrstellen des Werks überzeugend ausfüllen, finden sich immer wieder. Der Höhepunkt der Party ist natürlich der Sängerwettstreit, in dem sich die Teilnehmer doch erstaunlich keusch zeigen, ganz im Widerspruch zum allgemeinen Auftreten. Nach dem Eklat (dass Tannhäuser seine Sexualität vor der ganzen Gesellschaft auslebt) würde er von den Männern gelyncht – wenn nicht die Frauen dem Einhalt gebieten würden. Im 3. Aufzug ist die Party vorbei, ein paar Alkohol-Leichen liegen herum, der Papst legt gelangweilt Karten. Wolfram möchte sich vom Balkon in den Tod stürzen, immerhin er wird zurückgehalten. Zum Schluss übt man sich in Friede, Freude, Eierkuchen; die Party kann weitergehen, auch ohne Tannhäuser und Elisabeth.

Welchen Stellenwert hat die freie körperliche Liebe noch in unserer Gesellschaft, die vermutlich „oversexed and underfucked“ ist, wie weit darf man heutzutage gehen, wann sind die Grenzen überschritten? Sind wir wirklich glücklicher über die vermeintliche Offenheit, die doch noch oft eine deutliche Verklemmtheit ist? Und vor allem: Was gibt uns noch Halt? Gott ist tot, diese allzu einfache Methode des Haltfindens funktioniert nicht mehr. Nicht erst seit Nietzsche, sondern bereits seit Feuerbach. Die vermeintliche Freiheit des Menschen macht das Leben und das Zurechtfinden deutlich schwieriger. Die vermeintliche Vorherbestimmung des Lebens durch Gott wich dem Geworfensein. Die Inszenierung stellt viele Fragen, rüttelt auf, versucht auch Antworten zu geben. Dabei kommt kaum einer gut weg, weder unsere Gesellschaft, noch eine Institution wie der Papst, der zu einem Devolutionalienverkäufer heruntergekommen ist.

Die musikalische Darbietung ist nicht auf demselben höchsten Niveau, vor allem Paul McNamara hat merkliche Probleme mit der so schwierigen Hauptparty: Die Stimme ist angestrengt und gequetscht, im ersten Aufzug bricht sie ab und zu weg. Aber er steigert sich immer mehr, insbesondere die Rom-Erzählung kann dann überzeugen, zudem er eindringlich gestaltetet, schauspielert und die Gefühlswelt erlebbar macht. Kelly Cae Hogan ist eine beeindruckende Bühnenpersönlichkeit, die die Elisabeth mitreißend spielt und singt. Ulrike Schneider ist darstellerisch die perfekte Venus (leider einen Kopf größer als Tannhäuser), die auch sehr innig (wenn auch oft etwas hoch) singt.

Beeindruckend besetzt demgegenüber die kleinen Rollen: Insbesondere begeisterte Stefan Zenkl mit einem stets textverständlichen, runden, innig gestaltenden und fast perfekt singenden Wolfram – umso beeindruckender angesichts der von ihm abverlangten und bravourös gemeisterten schauspielerischen Leistung. Sehr beeindruckend auch der stimmschöne Hee Saup Yoon als eindrücklich gestaltender Landgraf Hermann und Johannes An bemerkenswert runder Walther von der Vogelweide. Das Orchester ist hörbar kleiner als  in München oder Berlin, insofern brauchte ich etwas Zeit, um mich darauf einzustellen, nach der Umgewöhnungsphase überzeugte mich Alexander Hannemann mit einem packenden, direkten und genauen Dirigat, dem das Orchester freudig folgte. Dies verband sich mit der packenden Inszenierung zu einem Erlebnis der Oper Tannhäuser, wie es nur selten möglich ist.

Keinesfalls verpassen – hinfahren!!!

Nachtrag, da mir noch ein Licht aufging: Dass die Gäste des Sängerfestes im 2. Aufzug verkleidet aus verschiedenen (Grimms) Märchen auftreten, sorgt nicht nur für viel zu sehen und Lokalbezug zu Kassel, sondern ist auch eine sehr gelungene Interpretation von Wolframs „so viel der Helden, tapfer, deutsch und weise“ und schlägt einen schönen Bogen zu den Meistersingern und Wagners Kunst-Begriff. (Und ist natürlich auch eine wohltuende Abwechslung von den mal wieder im Trend liegenden Hakenkreuzen.)

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„Arien für Arier“? – Eine Replik

Unter dem unfassbar dummen Titel „Arien für Arier“ wurde in der Welt sowie auf Publikative.org ein Artikel von Matthias Küntzel veröffentlicht, der Einspruch gegen den „Wagner-Kult“ erheben möchte. Da er von Fehlern und falschen Unterstellungen nur so strotzt, kann dieser nicht unwidersprochen stehen bleiben. Die Grundannahme des Artikels scheint zu sein, dass Wagner Werk per se böse sei, da Wagner ein Nazi sei – was bis heute völlig ignoriert werde. Was teils banal, größtenteils falsch ist.

I.

Das antisemtische in Wagner und seinem Werk ist so aufgearbeitet und allgemein bekannt, dass es eigentlich müßig ist, dies weiterhin breit zu treten. Dass wenige neue Publikationen der Forschung sich noch mit dem Thema beschäftigen, liegt vermutlich daran, dass der Großteil bereits erforscht ist. Insbesondere die durchaus vorhandene – jedoch nur eine kleine Nebenrolle spielenden –antisemitischen Gedanken im Werk selbst, sind seit Adornos Versuch über Wagner allgemein bekannt. Auch der persönliche Antisemitismus, der sicherlich über das zu dieser Zeit übliche Maß hinausging, ist in unzähligen Schriften behandelt worden.

II.

Der Autor behauptet, das Thema Antisemitismus bei Wagner würde heutzutage totgeschwiegen. Abgesehen davon, dass es in einem Geburtstagsjahr, das der Feier des Künstlers dient, m.E. nicht nötig ist, nur auf negative Aspekte einzugehen, bleibt der Autor den Nachweis dafür schuldig. Dass manche Forscher das Thema nicht problematisieren beweist das völlige Fehlen ebenso wenig, wie das Ignorieren dieses Aspekts in einer einzigen Dokumentation. Das Werk Wagners ist so vielschichtig, dass es unmöglich ist, alles abzuhandeln. Wenn der „Ring des Nibelungen“ behandelt wird, bedingt dies nicht zwingend eine Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus.

Der Vorwurf geht zudem fehl, da es kaum ein Medium gibt, das Wagners Antisemitismus nicht thematisiert. Beispiele:

  • Die Deckblätter von Spiegel und Zeit Spezial photoshopppen beide ein Hakenkreuz neben Wagner;
  • Mehrere Dokumentationen in 3Sat – teils in direktem Zusammenhang mit der angesprochenen „Ring“-Doku – die allesamt das Thema „Wagner im Nationalsozialismus“ breittreten;
  • Eine 5-teilige Reihe über Wagner in MDR enthält 2 Teile über den Antisemitismus;
  • Die Inszenierung des „Tannhäuser“ in Düsseldorf spielt in der Nazi-Zeit.

Besonders abstrus wird der Hinweis aus die Briefmarke und Gedenkmünze. Wie man mittels solcher ein Thema gezielt unter den Tisch kehren könne, wie der Autor dies postuliert, kann er leider nicht erklären. Der Autor möchte wohl an die Brust Wagners auf jeder Abbildung ein Hakenkreuz anbringen.

III.

Der Artikel bleibt behaftet in alten Klischees und einem zu-Recht-biegen, wie es gerade für die eigene Linie nötig ist. Dabei wird der gleiche Fehler begangen, der seit Jahrzehnten die Diskussion müßig erscheinen lässt. Es wird durchweg suggeriert, Wagner habe in einem zeitlich und ideologisch den Nazis so nahem Zeitraum gelebt, dass er selbst ein Nazi bzw. gar Komponist Hitlers gewesen sei (der eine Grund für die Dummheit des Titels). Angesichts der Zeitspanne von 50 Jahren seit dem Tod Wagners wenig zielführend. Behelfen muss sich der Autor wieder einmal damit, eine Gleichsetzung durch die Nachkommen und den angeheirateten Winifred und Chamberlain zu erreichen – ein schon lange durchschautes Spiel

Ignoriert wird zudem einmal mehr die Entwicklung der deutschen Nation, in deren Lichte viele Äußerungen Wagners zu sehen sind – wie z.B. die Gegenüberstellung von „deutsch“ und „welsch“ (und nicht dem jüdischen, wie der Autor – der alles „deutsche“ per se abzulehnend scheint – dies suggerieren muss). Wagner erlebte die Revolution 1848/1849 nicht nur persönlich mit, er beteiligte sich sogar daran. Er erlebte die Gründung des jetzigen Landes mit und beteiligte sich daran auch künstlerisch – die heute merkwürdig erscheinenden Textstellen in Opern wie Tannhäuser, Lohengrin und Meistersingern lassen sich so leicht erklären.

IV.

Dass das Konzept „Droge“ in vielen Deutungen derzeit hervorgehoben wird, mag richtig sein, wenn man ausreichen lässt, dass eine echte Auseinandersetzung mit Wagners Werk auf deutschen Bühnen nur noch selten stattfindet und stattdessen landauf landab so nichtssagende und banale Inszenierungen wie die der Ringe an der Berliner Staatsoper und in München gezeigt werden. Mir reicht das nicht aus, da ich in solchen Nicht-Deutungen einschlafe und so keine Wirkung einer Droge empfinde.

Eine nähere Auseinandersetzung mit dem Zitat Wagners, wonach nur der „wunderbar erhabene Seufzer des Ohnmachtsbekenntnisses“ übrig bleiben solle, kann nicht erfolgen, da Herr Künztel in seinem Aufsatz nicht die originale Quelle zitiert, sondern nur Sekundärliteratur. Hingewiesen auf zweierlei: Die Formulierung, alles zum „Wahn der Persönlichkeit“ gehörende hinwegschwemmen zu wollen, ist offensichtlich an Schopenhauers „bloßes Subjekt der Erkenntnis“ angelehnt – woraus sich ein völlig anderer Sinn ergibt, als der Autor suggeriert. Zum anderen sind die Schriften Wagners voll mit Äußerungen, wonach er gerade nicht wollte, dass das Publikum seiner Opern einen entspannten Opernabend genießen könne, zuvor das Hirn der Garderobe abgegeben habend. (Ein Beispiel siehe im Anhang.) Im Gegenteil wünschte er stets ein aufgeklärtes, bildendes und intelligentes Theater, das zu einer geistigen Auseinandersetzung zwinge. Das Werk Wagners ist denn auch voll von Warnungen und drastischen Schilderungen der Folgen, wenn ein Volk einem vermeintlichen Heilsbringer hinterherläuft. Die Gräueltaten des Nationalsozialismus hätten vielleicht verhindert werden können, wenn Wagners Werk genauer betrachtet worden wäre.

V.

Wagner als „erzreaktionär“ zu bezeichnen zeugt von einer völligen Unkenntnis des musikalischen Schaffens, der Schriften und der Lebenssituation Wagners. Denn das Gegenteil ist der Fall. Wagner war zeit seines Lebens ein Revolutionär. Nicht nur revolutionierte er das Theater und die Musik durch seine Komposition, Schriften und Taten. Auch stand er 1848/1849 an den Barrikaden im Kampf gegen die alte Herrschaft, forderte in Schriften den Umsturz der Ordnung seiner Zeit und verbrüderte sich mit Linken und Kommunisten wie August Röckel und Bakunin.

VI.

Offen ist noch der zweite Grund für die Dummheit der Überschrift des Artikel Herrn Küntzels. Dieser ist simpel: Wagner schrieb keine Arien.

Anhang

… ward vollends die Oper zu einem Chaos durcheinander flatternder sinnlicher Elemente ohne Haft und Band, aus dem sich ein jeder nach Belieben auflesen konnte, was seiner Genussfähigkeit am besten behagte, hier den zierlichen Sprung einer Tänzerin, dort die verwegene Pasage eines Sängers, hier den glänzenden Effekt eines Dekorationsmalerstückes, dort den verblüffenden Ausbruch eines Orchestervulkans. Oder liest man nicht heutzutage, diese oder jene neue Oper sei ein Meisterwerk, denn sie enthalte viele schöne Arien und Duetten, auch sei die Instrumentation des Orchesters sehr brillant usw.? Der Zweck, der einzig den Verbrauch so mannigfaltiger Mittel zu rechtfertigen hat, der große dramatische Zweck – fällt den Leutchen gar nicht mehr ein.
Solche Urteile sind borniert, aber ehrlich; sie zeigen ganz einfach, um was es dem Zuhörer zu tun ist. Es gibt auch eine große Anzahl beliebter Künstler, welche durchaus nicht in Abrede stellen, daß sie gerade nicht mehr Ehrgeiz hätten, als jenen bornierten Zuhörer zu befriedigen. Sehr richtig urteilen sie: wenn der Prinz von einer anstrengenden Mittagstafel, der Bankier von einer angreifenden Spekulation, der Arbeiter vom ermüdenden Tagewerke im Theater anlangt, so will er ausruhen, sich zerstreuen, unterhalten, er will sich nicht anstrengen und von neuem aufregen. Dieser Grund ist so schlagend wahr, daß wir ihm einzig nur zu entgegnen haben, wie es schicklicher sei, zu dem angegebenen Zwecke alles mögliche, nur nicht das Material und das Vorgeben der Kunst, verwenden zu wollen.

Quelle: Richard Wagner, in: Die Kunst und die Revolution“ (GSD III, S. 20 f.). Hervorhebung von mir.

Der Autor Matthias Lachenmann ist zwar im Vorstand des Richard-Wagner-Verbandes Ulm/Neu-Ulm, der Beitrag stellt jedoch nur seine persönliche Meinung dar.

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Opernkritik: Tristan und Isolde, Deutsche Oper Berlin, März 2013

Ich bin noch immer ganz überwältigt von den Tristan-Aufführungen an der DOB, besucht am März 2013, Donnerstag und Sonntag. Ein recht gutes Dirigat mit einigen berührenden Szenen, großartige Sänger und eine geniale Inszenierung machten das vor allem am Sonntag zu einer echten Sternstunde.

Vor all em die männlichen Sänger überzeugten rundheraus. Samuel Youn ist ein exzellenter Kurwenal, kraftvoll, freudig gestaltend und mitreißend schauspielernd, Stephen Gould ein sensationeller Tristan, der die Partie durchgehend aussingt und packend gestaltet, ohne Ermüdungserscheinigungen – überwältigend! Während er mir am Donnerstag noch nicht an den zuvor gehörten exzellenten R.D. Smith hinreichte, war er ihm am Sonntag absolut ebenbürdig (oder besser?). Ungemein gewann die Aufführung durch das Einspringen von Günther Groissböck statt Hans-Peter König als Marke. Während König wohl Donnerstag schon angeschlagen war, begeisterte Groissböck mit einem sensationellen Marke. Stimmlich mögen Pape und Youn derzeit besser sein (sonst wohl keiner), aber gestalterisch und darstellerisch war das tief berührend, ergreifend und atemberaubend. Aus jeder schauspielerischen Geste, jeder gesungenen Phrase machte Groissböck den Schmerz Markes nur zu deutlich. Kaum zu glauben, dass er die Rolle das erste Mal auf einer Opernbühne sang.

Etwas problematischer die Damen. Für Urmana ist die Isolde (noch?) eine Grenzpartie, die sie behutsam anpacken sollte. Sie hat ein großes Material, ein wunderbare harmonische Stimme und kann insbesondere in der Tiefe und Mittellage voll überzeugen. Während sie die höheren Regionen am Donnerstag noch größtenteils mit Bravour meisterte, sang sie am Sonntag deutlich unschärfer und schriller. Vergessen machte das jedoch Isoldes Verklärung, die spannend und mitreißend gesungen wurde, hier konnte sie ihre Vorzüge voll aussingen. Jane Irwin sang die Brangäne durchaus solide, aber so richtig überspringen wollte der Funke bei mir nicht. Mit Runnicles werde ich wohl nie warm, aber der Tristan war durchaus überzeugend und solide dirigiert, zwar mit einigen Patzern, andererseits auch einigen sehr berührenden Stellen, vor allem die jeweiligen Aktschlüsse (z.B. der im Orchester bedrückend deutlich gemachte Schmerzensschrei zum Schluss des 2. Akts oder auch die berührende und weiche Verklärung).

Einen großen Teil zur Sternstunde trug die geniale Inszenierung von Graham Vick bei. In einer David-Lynch-artigen Atmosphäre und opulentem Bühnenbild wird sehr beeindruckend aufgezeigt, dass Wagners Oper Psychoanalyse pur ist. Einfach anzuschauen ist es sicherlich nicht, da Handlungs- und Metaebene sich ständig überlagern bzw. eins werden, Symbole einen anderen Kontext erhalten und nicht-singende Personen in wechselnden Bedeutungen widerkehren. Zudem mag es teilweise etwas statisch wirken, was sich jedoch stets aus der Deutung ergibt. Die handelnden Personen werden immer wieder zu ihnen vertrauten Orten und Handlungsweisen gezogen – die Regression als maßgebliches Momentum.

Der Tod ist allgegenwärtig – für alle handelnden Personen, jederzeit. Daran lässt bereits der Sarg keinen Zweifel, der vom ersten Öffnen des Vorhangs bis zu dessen letzten Senken stets auf der Bühne präsent ist und der für alle Protagonisten eine maßgebliche Rolle spielt. So sehen wir zu Beginn den jungen Tristan, der am Sarg seines verstorbenen Vaters trauert – das Segelbot, das er sich vermutlich zur Selbsttherapie aus Papier basteltete, kann ihm ihn die Trauer nicht nehmen. Die nackte Frau tritt zum ersten Mal auf – Tristans Mutterimago, das ihn nach draußen lenkt (auf gleiche Weise, in der Tristan im 3. Aufzug bei Isoldes Ankunft verschwinden wird), während gleichzeitig der jetzige Tristan die Bühne betritt und sich an gleicher Stelle niederlässt. Der Sarg mit dem Leichnam Morolds, den Tristan zusammen mit Isolde zu Marke überführt. Die restliche Zeit bis zu seinem Auftritt sitzt Tristan dann vor dem Sarg. Bereits an dieser frühen Stelle der Inszenierung überlagern sich also die verschiedenen Ebenen. So früh wird deutlich: Tristans Heldentaten im Krieg, seine todesmutigen Handlungen, sein Kampf gegen Morold, Rückkehr zur Heilung durch Isolde, seine Bereitschaft zum Trinken des Todestranks und das ins-Schwert stürzen im 2. Aufzug usw.: alles Auswirkungen aus dem frühen Tod seiner Eltern, die er nicht verarbeiten kann. Diese Motive werden auf vielfältige Art durchgehend weitergesponnen.

Das zweite für die Handlung entscheidende Element ist der Tisch. Da sich hier Tristan und Isoldes Liebe durch Frau Minnes Trank entzündet und diese nach dem Genuss an diesem über sich herfallen, ist es natürlich konsequent, dass sie auch nach dem Erlöschen der Fackel im 2. Aufzug an diesem Tisch wieder über sich herfallen, dass Kurwenal hier im 3. Aufzug Tristan Wahnträume begleitet. Natürlich setzt sich auch Marke nach der Entdeckung der Liebenden an diesen Tisch. Eine Entscheidung größten Schmerzes für Isolde: Sie beschließt, ihren ehelichen Pflichten nachzukommen und bei Marke zu leben, Tristan zurückzulassen – und setzt sich also stocksteif zu Marke an den Tisch, ihr ist der Schock darüber anzumerken, nun Jahrzehnte an Markes Seite leben zu müssen. Begleitet wird der 2. Aufzug von einem nackten Paar, die neben Eros und Thanatos vermutlich auch Tristans Eltern genauso symbolisieren wie die jüngeren Tristan und Isolde. Der junge Tristan schaufelt sein eigenes Grab und schichtet einen Erdhaufen auf, Isolde bleibt passiv.

Der Jüngling kehrt auch im 3. Aufzug zurück, der nicht nur im Altersheim spielt, sondern auch im zuvor geschaufelten Grab, wie der wiederkehrende Erdhaufen symbolisiert (der bereits im 1. Aufzug auf dem Sarg lag), und zwar in Gestalt des Steuermannes: in Handtuch bei der Rasur sich vorbereitend auf das dauerhafte Vereint-sein mit Isolde. Die gealterten Personen, die kurz vor ihrem Tod nochmals die Handlung Revue passieren lassen, sind ein bewegendes Bild. Tristan konnte Isolde bis zum Schluss nicht vergessen, Kurwenal kann es nicht fassen, dass Tristan selbst im hohen Alter an nichts anderes denken kann, der alte Narr. Der Schluss ist nahe an Ponnell: Kurwenal will seine Ruhe und erzählt Tristan „Jaja, tatsächlich, sie kommt“. Kommt Isolde dann wirklich? Vielleicht spielt es auch in zwei getrennten Altersheimen und die beiden begegnen sich nicht mehr körperlich, nur noch im Welten-All. In Tristans Monologen verschenkt die Inszenierung am meisten: angesichts der großen Fensterwand wäre die Chance gewesen, die Symbolik besser zu erklären.

Auch der Schluss ist voll von Symbolik: Bei „der Freude Flagge am Wimpel“ legt eine alte Dame eine weiße (!) Rose auf nunmehr in erster Linie Tristans Sarg, danach seine Mutter (nun nicht mehr nackt, sondern angezogen und schwanger) einen Teddybären. Tristan entschwindet so in den Hintergrund, wie er im 1. Aufzug auftrat, und wie natürlich auch Isolde dann abtreten wird. Bei ihrer Verklärung sieht man dort einen Strom von Menschen vorbeilaufen, auch die Mutter ist dabei, in den sich Isolde einreiht. Spermien auf dem Weg in den Mutterleib? Die Rückkehr der Beiden in den Mutterleib, in des Welt-Atems wehenden All? Der Weg der Verstorbenen ins Jenseits? Jedenfalls auch das Schreiten auf die Bühne zum Schlussapplaus – vorne links stehend merkte man den Sängern an, wie diese noch immer in dem Werke schwebten. Dies vor allem bei Groissböck, der als Marke noch alleine auf der Bühne zurückbleiben musste (natürlich in dem Stuhl, in dem er bereits den 1. Aufzug miterlebt hatte), der noch völlig erschüttert und wie in Trance wirkte.

Leseempfehlung zur Psychoanalyse bei Wagner: Gabriele Hofmann, Das Tristan-Syndrom – Psychoanalytische und Existenzphilosophische Betrachtungen der Tristan-Figur Richard Wagners; Robert Donnington, Der Ring des Nibelungen und seine Symbole. Und natürlich direkte Quellen: Heidegger, Sein und Zeit sowie Freud, Die Traumdichtung

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Wagner – Götterdämmerung: Wiederaufnahme in Stuttgart am 20.1.2013

Nach einigen Jahren Pause wurde am 20.1.2013 die Inszenierung der „Götterdämmerung“ von Peter Konwitschny (Dramaturgie: Peter Hintze) in Stuttgart wieder aufgenommen. Der Stuttgarter Ring ist bekannt für seine vier Regisseure der vier Teile, wodurch man in der Götterdämmerung nicht unbedingt die drei vorangegangenen Teile gesehen haben muss, um die Inszenierung genießen zu können.

Änderungen im Orchester dürfte es nur wenige gegeben haben, die Rollen der Darsteller sind jedoch komplett neu besetzt, auch der Dirigent neu in der Produktion. Es bestand also durchaus die Gefahr, dass von der alten Qualität nichts mehr übrig geblieben wäre. Dem ist aber nicht so! Die Aufführung ist rundherum gelungen, sehr sauber einstudiert und hervorragend besetzt.

Zum Musikalischen fasse ich mich kurz, hier können die meisten Leser sich am 3.2.2013 einen Eindruck bilden, wenn wir uns zu der Reise aufmachen. Das Dirigat ist sehr melodisch und packend, abwechslungsreich und spannend. Das Orchester spielt ausgesprochen klangschön und weich. Die Sänger sind durchgehend gut, wobei die Qualität durchaus sich merklich unterscheidet. Sehr gut harmonierten sowohl die mitreißenden Rheintöchter als auch die Nornen (die auch in der Inszenierung verknüpft sind). Stimmlich etwas blass blieben die Waltraute von Marina Prudenskaja und Gutrune (Simone Schneider).

Eine Überraschung war für mich Irmgard Vilsmeier, die ich bislang nur in kleineren Rollen gehört hatte. Auch wenn ihre Stimme nicht die Schönste ist, hat sie doch Dramatik, Volumen und Ausdruckskraft, um rollendeckend zu singen. Besonders hervorzuheben ist ihre beeindruckende Textverständlichkeit – eine für eine Brünnhilde wahrlich seltene Tugend. Überzeugen konnten auch Attila Jun als Hagen, der die nötige Boshaftigkeit und Kraft für die Rolle mühelos stemmte und Michael Ebbecke als Alberich, den man angesichts seiner mitreißenden Gestaltung gerne länger gehört hätte. Besonders begeistern konnte Shigeo Ishino als Gunther, der die Partie ausgesprochen klangschön, und harmonisch gestaltete. Ein Sänger, von dem wir sicherlich noch einiges hören werden. Über Stefan Vinke muss wohl kein Wort verloren werden: Weiterhin gehört er ohne Frage zu den besten Sängern dieser Partie, die derzeit auf der Bühne stehen. Er bringt alle Kraft, Gestaltungsfähigkeit und Freude am Spiel, die diese Rolle nötig machen, locker mit sich. Hoihe!

Besonders spannend war für mich die Wiederbegegnung mit der Inszenierung Peter Konwitschnys, die ich vor knapp 10 Jahren nicht so gelungen fand. Wie habe ich mich getäuscht! Es ist nicht weniger als eine der besten Wagner-Inszenierungen, die zumindest in den letzten 10 Jahren auf einer Opernbühne gespielt wurden (wahrscheinlich aller Zeiten). Die detailreiche, psychologische Ausleuchtung der Rollen und Interpretation des Stücks suchen ihresgleichen. Die Ernsthaftigkeit, mit der das Handeln der Personen dargestellt wird, das Mitleiden mit ihrem Denken und Handeln sind atemberaubend. Dabei kommen sogar diejenigen auf ihre Kosten, die Indianerfelle und Stierhörner sehen möchten – dies folgt logisch aus der Darstellung, wie Siegfried aus seiner Kinderwelt in die politische und korrupte Welt der Menschen gestoßen wird und unfähig ist, den dortigen Intrigen zu begegnen.

So war die Waltauten-Szene für mich die szenisch mit großem Abstand spannendste, die ich je gesehen habe. Brünnhilde ist vorbereitet auf Siegfrieds Rückkehr, indem sie den Tisch schön gedeckt und das Essen vorbereitet hat. Waltraute ist nicht willkommen, Brünnhilde hat mit Wotans Sippe gebrochen, also bleibt sie versteinert und hört nur mit einem Ohr zu – natürlich bekommt Waltraute nichts zu essen angeboten. Die Gleichgültigkeit ändert sich erst, als Brünnhilde schockiert erfahren muss, dass Wotan im Moment größter Trauer ihr gedachte – eine berührende Szene. Vor allem da Brünnhilde dieselbe Gleichgültigkeit erleiden muss, wenn sie Siegfried wiedertrifft.

Essen spielt auch im zweiten Aufzug eine wichtige Rolle – in Form eines Gugelhupfes. Die Meisterschaft Konwitschnys zeigt sich hieran allzu eindrucksvoll. Er kehrt wieder in den verschiedensten Momenten in der verschiedensten Form, mit der verschiedensten Verwendung. Hausfrau Gutrune backt ihn nicht nur für Siegfried, sondern bietet der erschütterten Brünnhilde zum Schluss auch ein Stück zur Aufheiterung an – schätzen kann Brünnhilde  dies natürlich nicht. Welche Schmerzen ihr zugefügt wurden durch den ignoranten Siegfried, musste auch der Zuschauer all zu deutlich ertragen.

Im dritten Aufzug gibt es fast eine Erholung – der Bär als Motiv für Siegfrieds Erwachsenwerden kehrt zurück, die Rheintöchter erhalten den Ring nicht zurück und Hagen versucht, seine ihm zugewiesen Lebensaufgabe zu vollenden. Er scheitert bekanntlich, zurück bleibt vorerst Brünnhilde, dann nur die Menschen, während die Dämmerung der Götter in allen von Wagner geschriebenen Nuancen zu sehen ist. Wir werden ratlos zurückgelassen.

Anmerkung: Die Kritik wurde geschrieben für den Newsletter des Richard-Wagner-Verbandes Ulm/Neu-Ulm.

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