Opernkritik: Die Meistersinger von Nürnberg, Bayreuther Festspiele 2017

Die neue Serie der »Meistersinger von Nürnberg« in Bayreuth ist ein Triumph für die Bayreuther Festspiele und eine musikalisch rundherum gelungene Aufführung, die wohl die ausgewogenste und beste Besetzung der letzten Jahre aufbieten konnte. So erwartet man es in Bayreuth, und man stellt erfreut fest, dass die Festspiel-Leitung um Katharina Wagner die Festspiele auf solch hohem Niveau festigen konnte. Selbst mit noch kleineren offenen Wünschen: Bayreuth muss bekanntlich Werkstatt bleiben und viele aktuelle Kritikpunkte werden sicherlich im Laufe der Aufführungsserie ausgeglichen werden.

Britische Studenten wollten sich 1964 nach Bayreuth durchschlagen, um den auf den Theatern der Insel üblichen „Stoffbühnenbildern und dramaturgisch dürftigem Hyper-Realismus“ zu entkommen. So berichtete Sir Peter Jonas in seiner Rede im Gedächtniskonzert für Wieland Wagner am 24.7.2017. Wer sowohl das Wieland-Konzert mit der brillanten Rede von Sir Peter als auch die Premiere der Meistersinger von Nürnberg am 25.7.2017 erlebt hat, fragt sich unweigerlich: Was sagt jemand zu dieser neuen Inszenierung, der vor dramaturgisch dürftigem Hyper-Realismus flüchtete? Die Antwort auf die Frage macht Barrie Kosky dem Zuschauer natürlich nicht leicht, da einerseits Butzenscheiben-Romantik und Puffärmel-Kostüme vorherrschen, andererseits der dem Werk inhärente Antisemitismus aufgezeigt wird und schmerzlich präsent bleibt.

Die »Meistersinger« haben in Bayreuth eine besondere Tradition und die Verantwortung für den Umgang mit dem Werk, das in den letzten Jahren des NS-Regimes ständig in Bayreuth gespielt wurde, ist immens. In „Neu-Bayreuth“ wurde das Werk stets durch Mitglieder der Wagner-Familie inszeniert, zuletzt war es Katharina Wagner, die eine originelle und des Werks Erbe ergründende Arbeit vorlegte. Nun ein australisch-jüdischer Operetten-Experte, der Wagners „komische Oper“ inszeniert. Die Akustik des Festspielhauses ist für die Meistersinger bekanntlich kaum geeignet, es bedarf besonderer Kenntnisse des Dirigenten. Gewonnen werden konnte Philippe Jordan, der vor wenigen Jahren bereits »Parsifal« dirigierte. Eine exzellente Wahl, das Dirigat von Jordan überzeugt durch Kurzweiligkeit, Energie, Spritzigkeit, aber ebenso Sicherheit, feine Dynamik, einen Sinn für den großen Fluss und den besonderen Klang des Festspielorchesters. Sicherlich gelingt noch nicht alles, so geht in der Ouvertüre noch einiges durcheinander und immer wieder fehlen die kleinen Abstufungen und Lautstärkedifferenzierungen. Aber es fügt sich zusehends zu einem wunderbar flüssigen Dirigat im dritten Aufzug. In der Werkstatt wird das Dirigat in den nächsten Jahren sicherlich umso bedeutender geschliffen werden. Mit dem exzellenten Orchester mag das problemlos gelingen.

Dass der Festspielchor einer der weltbesten Chöre ist, zeigt sich auch wieder in dieser Aufführung. Ihn noch zu loben, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Die Dynamik, die Abstufungen, der Klang, die Farben und Schattierungen sind einfach sensationell. Vor allem die Lehrbuben machten musikalisch den ersten Aufzug zu einem besonderen Erlebnis. Die Solo-Rollen sind bis ins Kleinste hervorragend besetzt, von den präsenten Meistersingern über Georg Zeppenfeld als Nachtwächter (der leider nur aus dem Off singen darf) hin zu den großen Partien. Bei den Damen begeistert vor allem Wiebke Lehmkuhl als präsente, klug gestaltende und intensive Magdalene. Anne Schwanewilms startet als Eva etwas verhalten und klingt etwas zu „Cosima-haft“, auch in den beiden hochdramatischen Ausbrüchen gerät die erfahrene und kluge Sängerin leider an ihre Grenzen. Aber sie singt doch eine stets präsente und kluge Eva.

Eine interessante Besetzung des David ist Daniel Behle, der einen sehr präsenten David gibt, wobei man auf umso mehr Gestaltung mancher Szenen in den kommenden Aufführungen hofft. Günter Groissböck ist ein exzellenter, stimmgewaltiger und klangschöner Pogner. Derzeit dürfte es kaum einen Sänger geben, der die Rolle so präsent ausfüllen kann – grandios! Gleiches gilt für Johannes Martin Kränzle, der als Beckmesser einfach herausragend ist und mit Spielfreude und stimmlicher Präsenz begeistern kann. Besser geht es eigentlich kaum noch. Das gilt auch für den Stolzing von Klaus Florian Vogt, in der Rolle die ihm eigentlich noch besser als der Lohengrin liegt. Sein besonderes Timbre ist auch in den großen Ensembles und Chorszenen stets präsent und klar, ohne aufdringlich oder überdeckend zu sein. Vielleicht fehlt ihm etwas die Frische – aber vielleicht war er 2007 auch so besonders großartig, weil Katharina Wagner ihn damals besonders forderte und zu Höchstleistungen animieren konnte? Und Michael Volle! Er ist ein einfach sensationeller Hans Sachs! Startete er im ersten Aufzug noch etwas zurückhaltend und eher deklamierend, wurde er doch schnell warm und bot volle stimmliche Präsenz, Gestaltung und eine besondere Spielfreude. Je länger die Oper lief, umso besser und lebendiger wurde er. Volle wurde so zur Spitze des herausragenden Sängerensembles und schärfte die exzellente Sängerbesetzung.

Es bleibt die – nach der Premiere eifrig diskutierte – Frage, ob sich die Inszenierung denn nun auf Stoffbühnenbilder und dramaturgisch dürftigem Hyper-Realismus beschränkte oder eine intellektuelle und tiefgehende Auseinandersetzung mit diesem problematischen Stück darstellte. Nicht leugnen kann man die Ähnlichkeiten mit der letzten »Parsifal«-Inszenierung von Stefan Herheim, der die Bayreuther und Deutsche Geschichte über das Werk stülpte und im Schlussbild einer treu-teuschen Familie enden ließ. Auch bei Kosky sehen wir im bebilderten Vorspiel die Familie Wagner mit Freunden, aus denen sich die Darstellung des Werks entwickelt. Im Gesang der Gemeinde in der Katharinenkirche sehen wir die christlich betende Familie Wagner, die den Juden Levi zwingt, sich anzuschließen (der freilich den Ritus nicht kennt und alles falsch macht). Diese erste Szene ist schlicht grandios, da sie Wagners Antisemitismus und dessen belegten Verhalten gegenüber Levi mit dem problematischen Werk der Meistersinger verknüpft. Die Erwartungen für die restlichen fünf Stunden werden also hochgeschraubt.

Inszenierungen von Barrie Kosky zeichnen sich dadurch aus, dass er eine gute Balance zwischen unaufgeregter, handwerklich hervorragender Personenführung einerseits und im Gedächtnis haftenbleibender, schockierender Regie-Ideen changiert und einen klugen Übergang findet. (Ich denke z. B. an seine spannenden, symbolgeladenen Inszenierungen von »Walküre« und »Siegfried« in Hannover oder die genial-fesselnden »Tristan und Isolde« in Essen.) In der aktuellen Bayreuther Inszenierung legt Kosky den Fokus allerdings stark auf die unaufgeregte Personenführung und verbleibt bei der Darstellung und Interpretation zu oft im Abstrakten. Im engen Bild des 1. Aufzuges ist kaum Platz für Interaktion der Sänger, im weiten Bild des 2. Aufzuges ist zu viel Platz für deren Interaktion und im großflächigen Bild des 3. Aufzuges bleibt die Interaktion sehr abstrakt.

Die besonderen Akzente setzte Kosky als „Cliffhanger“ am Ende der Aufzüge: Im 1. Aufzug löst sich die Butzenscheiben-Romantik auf in den Saal der Nürnberger Prozesse. Im 2. Aufzug wird die Prügelfuge zum Pogrom der Nürnberger Bürger gegen den Juden. Stets möchte man also wissen, wie es weitergeht. Und stets geht es eigentlich nicht weiter. Im 2. Aufzug ist anscheinend Gras über die Nürnberger Prozesse und die Nazi-Zeit gewachsen. Ein treffendes Bild unserer heutigen Gesellschaft – doch warum sind die Charaktere dann weiterhin in Puffärmel-Kostüme gekleidet? Im 3. Aufzug spielt alles im voll ausgestatteten Gerichtssaal – aber warum, wird nicht wirklich klar. Die Rollen sind nicht klar verteilt nach Ankläger, Angeklagte, Verteidiger, Richter; vielmehr ist das Volk überall in allen Positionen, die Schusterstubenszene an zwei gesonderten Tischen an der vorderen Bühne mit unklarer Funktion. Auch der Schluss bleibt sehr im Ungefähren. Dass die heil’ge deutsche Kunst in unserer Musik statt in der Politik liegen sollte ist ja ein schöner Wunsch. Aber bleibt er nicht Utopie, angesichts eines Furtwängler, der Beethovens neunte Sinfonie auch in düstersten Zeiten dirigierte, angesichts eines Süd-Rhodesien, das die Neunte als Nationalhymne missbrauchte, angesichts der Möglichkeit, dass je nach Kontext und Kausalität auch ein C-Dur-Akkord rassistisch sein kann, angesichts des Missbrauchs von Wagners Erbe?

Für mich blieb Barrie Kosky in seiner Bayreuther »Meistersinger«-Inszenierung hinter seinen Qualitäten zurück. Natürlich hat er völlig Recht, dass Wagner der Figur des Beckmessers die typisch-antisemitischen Klischees seiner Zeit mitgab und dass der schwierige Text des Schlussansprache schrecklich missbraucht wurde. Gerade deshalb sollte man die im Werk enthaltenen Problematiken umso öfter und deutlich darstellen, statt sich die meiste Zeit auf Puffärmel-Kostüme im Nürnberger-Prozesse-Bühnenbild zu beschränken und über weite Strecken auf konventionelle Personenregie zurückzuziehen. Freilich beschränkt sich die Inszenierung nicht auf Stoffbühnenbilder und dramaturgisch dürftigen Hyper-Realismus – jedoch erlaubt sie das Missverständnis, dass sie sich darauf beschränken wollte.

 

Autor: Dr. Matthias Lachenmann

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DSRI-Herbstakademie 2017 in Heidelberg

Die alljährliche Herbstakademie der Deutschen Stiftung für Recht und Informatik (DSRI) ist jedes Jahr der Anlaufpunkt schlechthin für Juristen im IT- und Datenschutzrecht. In diesem Jahr werde ich die Moderation zu einem Panel im Datenschutz übernehmen und dabei Vorträgen zum Datenschutz und Brexit, Datenschutzklauseln in Arbeitsverträgen, kollektiver Datenschutz sowie dem „Update Datenschutzrecht“ den Rahmen geben.

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Interview in BR-Klassik: „Warum Wagner?“

Im Rahmen der Live-Übertragung der „Ring des Nibelungen“ aus Nürnberg sendete BR-Klassik ein Pausenzeichen von Herrn Dr. Thorsten Preuß unter dem Titel „Warum Wagner? Annäherungen eines Kleingläubigen an die wunderbare Welt der Wagnerianer“. Ich hatte die Ehre, dort neben anderen „Wagnerianern“ interviewt zu werden und das Bedeutende an den Opern Wagners zu schildern.

Die Sendung ist auf der Website von BR-Klassik nachhörbar (Link).

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Datenschutz für gemeinnützige Organisationen: Darstellungen in „Stiftung und Sponsoring“

Im Magazin „Stiftung und Sponsoring“ (SuS), dem Magazin für Nonprofit-Management und -Marketing, habe ich zwei Artikel zur EU-Datenschutzgrundverordnung veröffentlicht. Dargestellt werden die wichtigsten neuen Themen, die NGOs und Vereine anzugehen haben. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf dem Thema Werbemaßnahmen. Folgende Artikel sind erschienen (auf Anfrage per E-Mail können sie gerne bereitgestellt werden):

  • Europaweit einheitliche Regelung der Spendenwerbung? – Zur Zulässigkeit von Werbemaßnahmen nach der EU-DSGVO | SuS 2016, S. 36-37
  • Datenschutz: Zeit zu agieren – Das neue Datenschutzrecht erfordert ein Umdenken bei Stiftungen und Vereinen | SuS 2016, S. 32-33

 

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Tannhäuser und die alternative Personenführung (Bayerische Staatsoper, Premiere am 21.5.2017)

„Naja, hatten Sie denn bei Castellucci klassische Personenregie erwartet??“ fragt mich der Pressesprecher der Theaterakademie , Johannes Lachermeier, auf Twitter. Um das gleich zu beantworten: Ich hatte zum Glück keine Personenführung erwartet, da mir der szenische Arrangeur bereits bekannt war. Was allerdings eine „klassische“ Personenführung und was deren Gegenteil oder die moderne Variante sein soll, konnte mir nicht erklärt werden. Vermutlich ist das so etwas wie „alternative Fakten“.

Der neue Tannhäuser in München versprach eine sensationelle Sängerbesetzung und ein sowieso herausragendes Dirigat unter Petrenko. Da konnte einem die Inszenierung eigentlich egal sein. Aber die Aufführung zeigte exemplarisch, wie wichtig eine Personenführung auch für die Musik ist – denn ohne Inszenierung zerfasert das Dirigat und die Sänger können nicht alle Ihrer Fähigkeiten abrufen. Und so wurde die Tannhäuser-Premiere zur herben Enttäuschung.

Wer schon einmal eine Inszenierung von Castelucci gesehen hat, erwartet vieles – nur keine Personenführung. Das kann er nämlich nicht und es interessiert ihn schlichtweg nicht. Das könnte man dann auch „alternative Personenführung“ nennen. Es reicht ihm aus, ein paar pseudo-kraftvolle Bilder zu produzieren und ein paar Ballett-Tänzer rumhüpfen zu lassen. Castelucci studierte Bühnenbild und Malerei. Und das merkt man, denn mehr gibt es nicht in seinen Aufführungen. Die Sänger stehen einfach nur in der Gegend rum. Mit dem Chor (so viele Sänger!) kann er erst recht nichts anfangen und lässt sie von hinten nach vorne an die Rampe und wieder zurück gehen. Im 2. Aufzug bedürfte es ernsthafter Chorführung, da legt sich der Chor auf den Boden, wenn er nicht singen muss und steht auf und geht nach vorne, wenn er singen muss, anschließend legt er sich hinten wieder hin. Wenn mal agiert wird, passt das szenisch einfach nicht: die Sänger springen auf und rennen Richtung Vorderbühne kurz bevor Tannhäuser mitteilt, dass er im Venusberg war, nicht etwa nachdem der Chor das hört. Aber ist ja klar: der Chor muss gleich singen, dazu muss er halt schon vorher aufstehen.

Ähnlich allein gelassen werden die Solisten, die einfach nur an der Rampe stehen und runternudeln, was sie singen müssen. Fleischberg Venus steht auf der Stelle, Tannhäuser geht von rechts nach links neben ihr. Später stehen halt die Ritter neben Tannhäuser. Im 2. Aufzug stehen die Sänger neben einem Kasten aus Milchglas und singen. Im 3. Aufzug stehen zwei Särge auf der Bühne, die Sänger stehen neben, vor oder hinter diesen. Daraus folgt schnell das Problem: Es findet einfach keine Interaktion zwischen den Sängern statt, es werden einfach Text und Töne abgespult. Exemplarisch die zweite Szene des 2. Aufzugs, in der Elisabeth einfach Richtung Tannhäuser läuft, ohne dass die beiden miteinander reden würden. Oder das Ende des ersten Aufzuges, wo die Ritter immer Richtung Rampe singen, egal wen sie laut Text gerade ansprechen. Das ist so unfassbar billig und schlecht gemacht, dass man weinen möchte. Die Bebilderung (wow, Pfeile!; Igitt, Blut!) kann von diesem szenisch völligen Nichts nicht ablenken, auch das ist in keiner Weise tiefgründig oder durchdacht.

Die bayerische Staatsoper zeichnet sich ja seit Jahren durch völlig belanglose „Inszenierungen“ aus, in denen sich der internationale Sängerzirkus schnell einfinden kann – direkt aus dem Flugzeug einfach rauf auf die Bühne und rumstehen. Die Bühnenbilder sind austauschbar, eigentlich kann man jede neue Premiere im letzten Bühnenbild spielen, die Sänger stehen ja eh nur rum. Dass dafür die grandiose Alden-Inszenierung abgesetzt wird, ist eine kulturpolitische Schande.

Angesichts der großen Namen bei den Solisten erwartet man viel – aber zu Beginn hat Elena Pankratova ihre große Szene. Und sie singt zwar alle Töne, aber leider sehr verwaschen, breiig, ohne jegliches Textverständnis. Kein Wunder, dass sie den geringsten Applaus erhält. Besser als erwartet hingegen Klaus Florian Vogt, der natürlich seinem Stil treu bleibt und seine wunderbare, harmonische und melodische Stimme zur Geltung kommen lässt. Er ist kein „Haudrauf“ oder „klassischer Heldentenor“, sondern ein Mann der diffizilen, kleinen, detailgenauen Gestaltung. Manchmal fehlt sicherlich der „Wumms“, aber allein diese fantastischen Piani und Phrasierungen (das „Elisabeth“ zum Schluss! Das „erbarm‘ dich mein“!) suchen ihresgleichen und machen Vogts Tannhäuser zu einem echten Erlebnis. Großartig ist Georg Zeppenfeld als König Heinrich, ein sonorer Bass, perfekt textverständlich, stets präsent und phrasierend. Was soll man zu Anja Harteros sagen. Eine der derzeit weltbesten Sopranistinnen, was sie hier erneut unter Beweis stellt, hier passt einfach alles. Aber die Krone des Abends Christian Gerhaher als Wolfram, der Mann ist einfach sensationell. 100 Prozentige Textverständlichkeit, perfekte Phrasierungen und dennoch viel Kraft. Operngesang wird zu Liedgesang, es haut einen um. Und doch, trotz dieser tollen Sänger: Man hat den Eindruck, bei allen bleibt die Handbremse angezogen, es fehlen die Emotionen. Wenn Sänger einfach nur dumm rumstehen müssen und nicht agieren dürfen, dann fehlt einfach etwas. Aber vielleicht liegt es auch am Dirigat.

Petrenko dirigiert den Tannhäuser zum ersten Mal, und selbst ein so großartiger Dirigent muss erstmal reinkommen in ein Werk. Insofern ist es keine Kritik, sondern eine reine Feststellung, dass sein Tannhäuser die nächsten Jahre sicherlich noch viel besser wird. Das Orchester ist glänzend aufgelegt, gewohnt klar, rein und deutlich, wunderbare Soli und Piani. Aber doch fehlte mir der große Bogen, es waren viele schöne Einzelmomente, die oft für sich standen. Teils zu getragen, teils zu laut, teils zu abrupt. Vielleicht auch hier: wenn szenisch nichts passiert, bleibt schnell auch das Orchester im ungefähren. Sicherlich war es schon ein sehr gutes Dirigat. Und mit der Zeit wird es zu einem großartigen werden.

Es bleibt das – hier: traurige – Fazit, dass Szene und Musik nunmal zusammengehören, ineinander übergehen, und sich gegenseitig zu Höhen oder – hier: – Tiefen führen können. Eine alternative Personenführung ist halt keine Personenführung und eine zähe Masse eine zähe Masse, die selbst Wagners großartige Musik zäh wirken lassen kann.

 

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Beitrag zum Datenschutz im Procurement

In Ausgabe 3 der Zeitschrift für effiziente Beschaffung rund um Büro und Arbeitplatz (Cebra) habe ich einen kurzen Artikel zum Handlungsbedarf zur „Datenschutz-Grundverordnung im Einkauf“ veröffentlicht. Der Text gibt Hinweise, wie das neue Datenschutzrecht in den Procurement-Abteilungen von Unternehmen berücksichtigt werden muss.

Der Beitrag ist im Volltext auf der Cebra-Website abrufbar.

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Tristan und Isolde – die Handlung

„Es ist ein Irrtum zu denken, Tristan und Isolde würden am Ende der Oper sterben. Denn es wäre bereits ein Irrtum, die Existenz der beiden Protagonisten zu bejahen. Wenn man den Grund für diese Aussage erkannt hat, ist die Interpretation von Richard Wagners „Handlung“ Tristan und Isolde fast schon simpel (trotz der verschiedensten Interpretationsansätze unter Wagnerianern, Forschern und Opernkritikern).“

Die Handlung und Interpretation von Wagners Oper „Tristan und Isolde“ beschreibe ich in einem Beitrag für die Homepage des Richard-Wagner-Verbands International e.V.

Abrufbar unter diesem Link.

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Opernkritik: Lohengrin am Aalto Theater Essen

Das menschliche Wesen ist das Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse, wie Marx in seiner 6. These über Feuerbach schrieb. Ein Gedanke, der Wagners Opern immanent ist und sich auch im Lohengrin zeigt: Lohengrin unterliegt dem Zwang, jeder menschlichen Frau das Frageverbot aufzuerlegen und nach seinem Erkennen zurückzukehren. Elsa muss nach Nam‘ und Art fragen, da eine Beziehung anders nicht möglich ist. So ist das tragische Ende dem Beginn des Lohengrins schon immanent.

Ausweglose Situationen sehen wir regelmäßig in Tatjana Gürbacas Neuinszenierung am Aalto-Theater in Essen. Für Elsa wird der Scheiterhaufen schon bereitet, das Volk hat sein Urteil schon gesprochen: Hexe! Mörderin! Lohengrin erscheint mit einem Jungen, der die meiste Zeit präsent bleiben wird – Gottfried entstellt, unerkannt. Die Welt ist aus dem Fugen, die Treppen unnatürlich groß, die Gebäude unnatürlich klein. Die Treppe (eine Remiszenz an den Panzerkreuzer Potemkin?) bleibt das bestimmende Bühnenbild, das jedoch im Laufe der Aufführung aufgebrochen und gewandelt wird. Zum Schluss landen wir wieder bei einem (abgebrannten) Scheiterhaufen.

In einem solchen Rahmen erzählt Gürbaca die Geschichte des Lohengrin stringent, mit überzeugender und handwerklich klarer Personenführung. Große „Zumutungen“ bleiben aus, kleine gibt es durchaus. Das Überwältigen von der Musik wird einem immer wieder verleidet, z. B. wenn im Soldatenaufmarsch des dritten Aufzuges ein Soldat psychisch zusammenbricht oder Gottfried als vermeintlicher Sohn Lohengrins das Näherkommen der Protagonisten verhindert. Überhaupt ist Lohengrin sehr zurückhaltend im Gralsgemach, Elsa zu Beginn die aktive. Das ändert sich abrupt – die Personen finden nicht zusammen. Solche Szenen bleiben doch punktuell, in der Gesamtheit bleibt die Erzählung (zu) brav und nahe am Text. Aber Gürbaca nimmt die Personen ernst und plädiert – ganz im Sinne Wagners Orientierung an dem Figurenverständnis des Sophokles – für Verständnis aller Charaktere. So ist beispielsweise Ortrud nach dem Zwischenspiel des 3. Aufzuges auf der Bühne und muss den Schock des Tods ihres Gatten vor allem Volk erleiden.

Musiziert wird auf sehr hohem Niveau. Das Orchester ist unter Leitung von Tomáš Netopil exzellent und überzeugt mit erstklassigem Wagner-Klang. Er arbeitete sauber und vermag viele Akzente zu setzen, so dass ein großartiger Wagner-Abend schon im Vorspiel versprochen und gehalten wird. Bei den Sängern überzeugen vor allem die „Bösen“: Heiko Trinsinger als Telramund überzeugt mit kernigem Timbre und hörbar gemachter Verzweiflung. Katrin Kapplusch als Ortrud singt und spielt stets präsent, wenn auch vielleicht etwas zu lyrisch. Martijn Cornet als Heerufer ist ein präsenter und aktiver Heerufer, wie Almas Svilpa einen soliden König Heinrich gibt. Daniel Johansson startet sein Rollendebut als Lohengrin noch etwas unter Druck, aber vermag mit einem rundem Timbre und aktiver Gestaltung überzeugen. Jessica Muirhead als Elsa überzeugt vor allem in der Mittellage und Tiefe mit einem wunderschönen, runden und warmen Sopran, in dem man versinken möchte (in den Höhen wird es dann etwas zu metallisch). Abgerundet wird die Aufführung durch den exzellenten Chor!

Nicht unerwähnt bleiben soll der Einführungsvortrag des Produktionsdramaturgen Markus Tatzig, der sich nicht – wie allzu oft an Opernhäusern – auf eine Erzählung der Geschichte beschränkt, sondern kenntnisreich in Entstehungsgeschichte und Interpretation des Werkes einführt. Insgesamt eine lobenswerte Lohengrin-Aufführung, die Wagnerianern als der Region sehr empfohlen sei!

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Neu erschienen: Konzerndatenübermittlung nach der DSGVO

In dem neu erschienen Tagungsband der DSRI-Herbstakademie 2016 ist auch ein Beitrag von mir mit dem Thema „Smart-Groups – Smart Transfers! – Konzerndatenübermittlung in der Datenschutzgrundverordnung“ erschienen. Der Text stellt dar, wie unter der neuen Rechtslage eine Datenübermittlung im Konzern umgesetzt werden kann. Er bildet zugleich eine Zusammenfassung der kürzlich erschienenen Dissertation „Datenübermittlung im Konzern“.

Fundstelle: Lachenmann, Smart-Groups – Smart Transfers! – Konzerndatenübermittlung in der Datenschutzgrundverordnung, in: Taeger (Hrsg.), Tagungsband DSRI-Herbstakademie 2016, OlWIR-Verlag 2016, S. 535-549.

Bestellmöglichkeit direkt beim OlWIR-Verlag. Demnächst abrufbar bei Beck Online im Modul Multimediarecht.

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Rezension: Alain Badiou: „Fünf Lektionen zum ‚Fall‘ Wagner“

Alain Badiou wird derzeit in der Szene der Forschung zu Richard Wagner gefeiert wie kaum ein zweiter Autor. Groß sind daher die Erwartungen des Lesers an die Broschüre, die ausgehend von der Beschreibung und Würdigung verschiedener bedeutender Wagner-Interpreten für eine „kritische Hinterfragung von Wagners Schaffen“ plädieren will. Im Vorwort nennt Badiou drei Personen, die für das Entstehen des Buches maßgeblich verantwortlich seien, neben François Nicolas die englische Übersetzerin Susan Spitzer, die „Mitautorin des […] Buches ist“, sowie Isabelle Vodoz, die die französische Fassung erstellt habe. Beim Lesen des Buches merkt man schnell, dass der deutsche Übersetzer Thomas Laugstien zu Recht im Vorwort nicht als Mitautor genannt wird, da er es nicht vermochte (was freilich die Aufgabe des Autors, nicht des Übersetzers ist), aus Badious Vortragsform ein halbwegs lesbares Buch mit ordentlichem Satzbau zu erstellen.

Weiterhin merkt man bereits im Vorwort, dass Badiou mit einem gesunden Selbstbewusstsein gesegnet ist, wenn er Slavoj Zizek als „den anderen großen Wagnerianer der heutigen Philosophie-Szene“ bezeichnet. Angesichts der von Badiou selbst geweckten hohen Erwartungen wird der Leser schnell ernüchtert. Dies beginnt bei völlig banalen Aussagen einerseits („Aus all diesen Gründen bin ich der Meinung, dass wir, als Einleitung, den Gedanken festhalten können, dass die Musik für den Zusammenhang zwischen Kunstformen, im weitesten Sinne, und weltanschaulichen Tendenzen oder Resonanzen eine besondere Rolle gespielt hat“, S. 15) und bloßen Behauptungen unter Verzicht auf Argumentation andererseits (S. 22: „Ich möchte hier nur daran erinnern, weil es nicht zu bestreiten ist, […]“). Es endet bei einem Verzicht auf die Ausarbeitung der anspruchsvollen Fragen (S. 26: „Das beweist natürlich, dass man genauer hinsehen muss, dass man untersuchen muss, worin die Totalisierungen bestehen, und begreifen muss, was Totalisierung im Werk Wagners bedeutet. Das ist ein ganz anderes Unternehmen“; ebenso z.B. S. 49, 54 oder 57).

Die eigentliche Ernüchterung des Lesers beruht auf Badious Verzicht auf die Definition der von ihm verwendeten Begriffe. Indem er gleichlautende Begriffe in mehreren Bedeutungen anwendet, ohne eine Bedeutung zu definieren oder im Verlaufe des Textes deutlich zu machen, in welcher Bedeutung er den Begriff verwendet, mag er dem Zuhörer der Vorlesung den Eindruck eines hoch-intellektuellen Beitrages vermitteln, da im gesprochenen Wort der mangelnde Aufbau nicht so deutlich wird. Ein Leser hingegen kann die Aussagen durch mehrmaliges Lesen überprüfen und wird so schnell feststellen, dass der Autor schlichtweg auf klare Definitionen und eindeutige Verwendungen von Begriffen verzichtet.

Intellektuell klingende Texte entpuppen sich so schnell als heiße Luft. So findet der Leser eine erste klar erkennbare Definition auf S. 57 (zur kantischen Idee der Rezeptivität). Vorher findet man das vereinzelte Bemühen von Definitionen, so bspw. auf S. 38: „[Die negative Dialektik] ist also ein wahrhaft philosophisches Werk, wenn man zugesteht, dass jedes philosophische Werk der Philosophie eine neue Stellung zuweist.“ Die Bestimmung eines philosophischen Werks kann der Leser immerhin für sich selbst vornehmen. Hingegen wüsste man beispielsweise gerne, was Wagners und Philippe Lacoue-Labarthes Beschreibung des „Gesamtkunstwerks“ war, bevor Badiou seine eigene Meinung dazu andeutet.

All diese Kritikpunkte würde man gerne vergessen, wenn man inhaltlich Überzeugendes über Wagner und dessen Rezeption erfahren würde. Doch selbst hier finden sich viele bedenkliche Aussagen. So ist es bereits zweifelhaft, ob Wieland Wagners Inszenierungsstil „(abgesehen von Protesten aus dem konservativen bayerischen Bürgertum) sofort positiv aufgenommen [wurde], und zwar aus ästhetischen Gründen“ (S. 16 ff.). Umso zweifelhafter ist es, ob Wieland Wagner tatsächlich die Aufführungen „völlig von jedem Bezug auf nationale Mythologie zu befreien“ suchte und er „die Inszenierung […] völlig verändert[e]“. Immerhin zeigt bereits der Vergleich der Bühnenbilder, dass sich Wieland Wagner einerseits stark an Adolphe Appia anlehnte, also keineswegs so originell war, wie unterstellt wird, andererseits seine Monumental-Ästhetik von der Nazi-Ästhethik  nicht weit entfernt war. Hier würde man sich eine differenziertere Darstellung, statt der Wiederholung der sattsam bekannten Klischees wünschen

Schlicht fehlerhaft wird es, wenn Badiou den „wirklichen Wagner“ sucht. Während Lacoue-Labarthe treffend beschreibt, dass Gegenstand seiner Schriften „nicht Wagner selbst, sondern seine Wirkung“ sei, meint Badiou die Suche nach einem Verständnis Wagners damit begründen zu müssen, dass „man in der Tat zu einem Verständnis Wagners gelangen kann – oder wissen kann, was sich unter diesem Namen verbirgt –, wenn man von seiner Wirkung ausgeht“ (S. 21). Hier übersieht Badiou, dass es für die Nachwelt schlicht zwingend ist, von der Wirkung des Werks (nicht des bloßen Namens!) auszugehen, da eine tote Person niemals selbst Gegenstand einer Beurteilung werden kann. Als rezipierendes Lebewesen kann niemand wissen, was sich hinter einem Namen verbirgt, da dies eine objektive – von Zeit und Raum unabhängige – Festlegung erfordern würde. Für einen Zeit und Raum unterworfenen Menschen muss daher zwingend verborgen bleiben, was sich hinter einem Namen verbirgt – man kann nur von der Wirkung des Künstlers ausgehen. Badiou hätte zu Lacoue-Labarthes kluger Aussage besser geschwiegen.

Weitergehend hätte Badiou auf S. 54 besser nicht offen gelassen, wie es sich mit dem „Schein“ – gerade bei Wagner – verhält. Dann wäre er auf interessante Fragen gestoßen, die Wagner in Tristan und Isolde tiefgreifend behandelte. Aber die Beschäftigung mit dem Werk Wagners bleibt oberflächlich. So meint Badiou auf S. 52, „vergebliches Warten [ist] ein zentrales Wagnermotiv“, das sogar „zwei Drittel der Handlung im dritten Akt von Tristan und Isolde beherrscht“. Die Behauptung könnte stimmen, würde man das „vergeblich“ streichen. Man höre nur auf die Musik in Isoldes Verklärung, nach ihrer Wiederkehr zu Tristan oder lese ihren Text, in dem sie den bei ihr seienden, lebenden Tristan beschreibt.

Badiou kritisiert an Lacouee-Labarthes Werk „Musica ficta“, man habe nach dessen Lektüre “ob man will oder nicht, eine bestimmte Vorstellung von Wagner, weil es, recht besehen, letzten Endes eben doch Wagner ist, von dem dieses Buch handelt“. Mit den „Fünf Lektionen zum ‚Fall‘ Wagner“ läuft man nicht Gefahr, eine bestimmte Vorstellung von Wagner oder dessen Rezeption zu erhalten.

Der Autor, Dr. Matthias Lachenmann, ist Mitglied im Präsidium des Richard-Wagner-Verbands International e.V. Der Beitrag gibt nur seine persönliche Meinung wieder. Die Rezension bezieht sich aus zuvor genannten Gründen nur auf die ersten beiden „Lektionen“.

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